Aus: Ausgabe vom 23.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wenn es nur gegen China geht

Wie können sanftmütige Menschenrechtler den Dalai Lama mögen? Ein Dokfilm über seine Heiligkeit gibt Hinweise

Von Kai Köhler
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Negative Gefühle? Nur gegenüber China (Dalai Lama)

Ein leuchtend rotes Gewand mit gelbem Tuch über der Schulter; ein schmales Auge mit kleiner Braue, ein größeres mit kräftigerem Strich; auffällig vor allem der Mund, ungleichmäßig auch er, mit beinahe schelmisch vorgestreckter Unterlippe: Das ist ein Porträt des 14. Dalai Lama, »Seine Heiligkeit«, weltreisend in Sachen Tibet und Spiritualität. Der Maler tritt auf und erklärt, wie sehr ihn das Charisma des Dalai Lama beeindruckt habe, die Sanftmut, die Friedfertigkeit.

Der Künstler heißt George W. Bush und war von 2001 bis 2008 Präsident der USA. Manche Iraker würden dessen Frage an sich selbst, ob er denn so friedlich sein könne wie der Dalai Lama, mit Nein! beantworten mögen. Damit wären sie allerdings voreilig. Auch der Dalai Lama entdeckte seine Friedensliebe erst, nachdem sich der seit 1957 von der CIA unterstützte Guerillakrieg seiner Männer in Tibet gegen China als aussichtslos erwiesen hatte und die Dollars ausblieben.

Nun bilden Filme über den Dalai Lama mittlerweile ein Genre, das festen Regeln folgt. Als unhinterfragbar gelten sein Pazifismus, seine geistige Ausstrahlung und das Opferleid seines Volkes. Sogar die wirklich nicht anspruchsvolle Dramaturgie, durch einen Konflikt von politischem Ziel und erforderlichen Mitteln ein Minimum an Spannung herzustellen, wird verschmäht. So zeichnen sich diese Dokumentationen durch eine personenkultige Verehrung aus, deren Ausmaß Kim Il Sung womöglich peinlich gewesen wäre.

»Der letzte Dalai Lama?« von Mickey Lemle bildet keine Ausnahme. Die Geschichtsfälschungen sind die üblichen: Ein Gefolgsmann des Dalai Lama darf Eindruck mit der Behauptung schinden, in chinesischer Haft nur die eine Sorge gehabt zu haben: nämlich das Mitgefühl mit seinen Peinigern zu verlieren. Die Behauptung, nie habe sich Gewalt der tibetanischen Traditionalisten gegen Chinesen gerichtet, ist freilich ebenso geschwindelt wie: »Der Horror begann 1950«, nämlich mit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet. Tatsächlich herrschte der Horror vorher. Der Palast des Dalai Lama hatte 1.000 Räume, die übergroße Mehrheit der leibeigenen oder versklavten Tibeter drängte sich in winzigen Verschlägen zusammen. Mönche und Großgrundbesitzer verprassten die Produktion. Abgeschnittene Nasen und Ohren, ausgestochene Augen: Das war gängige Strafpraxis. Gerne hackte man Gliedmaßen ab oder zog den Opfern die Haut herunter, bei lebendigem Leibe. Weil der Buddhismus das Töten verbietet, ließ man die Menschen langsam verrecken. Ohnehin musste, wer ins Leid geboren wurde, irgendwas Übles im vorigen Leben verbrochen haben, schon das rechtfertigte die Verhältnisse.

Dass Bush einen Feudalherren schätzt, der einer konkurrierenden Großmacht Probleme bereitet, ist verständlich. Nun gibt es aber sanftmütige Alternative sowie uninformierte Menschenrechtler, die mit Bush nichts zu schaffen haben wollen und den Dalai Lama trotzdem mögen. Gegen seine Absicht macht Lemle klar, weshalb das so ist und wo die Berührungspunkte liegen. Der Schwerpunkt seines Films liegt nämlich keinesfalls auf der Politik, sondern auf dem, was Lemle als das spirituelle Erbe des Dalai Lama begreift.

Dieses Erbe wird mit viel Aufwand gefördert. Wissenschaftler erstellen einen »Atlas der Emotionen«, ein Buch mit vielen bunten Schautafeln, auf denen Kreise und Zacken mit Wörtern verbunden sind, die Gefühle bezeichnen. Wie sinnvoll auch immer ein solches Unterfangen sein mag: Die Unterwürfigkeit, mit der eine Forscherin dem großen Meister ihre Bildchen vorweist und Belehrungen empfängt, ist ein Hohn auf wissenschaftliche Wahrheitsfindung.

Dieses Treiben mag Lohn und Brot für ein paar Leute bedeuten, die ansonsten auf einer Parkbank nächtigen müssten. Viel Schaden dürfte es nicht anrichten. Das ist anders in dem kanadischen Distrikt British Columbia, wo die meisten Schulbezirke spirituelle Erziehung im Sinne des Dalai Lama betreiben. Die armen Kleinen werden etwa in einen »Dankbarkeits-Kreis« gesetzt, wo sie Selbstbescheidung mit dem Vorhandenen zu lernen haben. Nach einem Besuch des großen Meisters werden die Kinder gelobt, sie hätten ihre »Achtsamkeit« sowie »Atmen und Denken« vorbildlich eingesetzt.

Überhaupt ist der Dalai Lama gegen negative Gefühle. Wie er weiß, machen sie krank. Das ist freilich eine Teilwahrheit; und Teilwahrheiten, setzt man sie absolut, werden falsch. Der Dalai Lama schlägt vor, einfach das Gefühl zu ändern. Oft genug aber haben negative Gefühle Ursachen in einer Realität, die es abzuschaffen gilt. Dieser Gedanke fehlt im Film – soweit es nicht gegen China geht.

Die Verbindung ist nun klar. Expräsident Bush verteidigt die bestehende Ordnung; das ist sein Job. Das spirituelle Milieu will ebenfalls nicht die Verhältnisse ändern, sondern nur die innere Einstellung ins Positive wenden. Der »Dankbarkeits-Kreis« der zur Spiritualität genötigten Schüler entspricht dem Karrierismus der erwachsenen Fans des Dalai Lama. Natürlich sind sie gegen Herrschaft, aber nur gegen die, die weit genug weg ist, nämlich die chinesische. Dafür nehmen sie auch die intellektuelle Zumutung in Kauf, an den Dalai Lama als Reinkarnation von 13 Vorläufern zu glauben.

Seit Beginn des Horrors in Tibet 1950 gibt es dort erstmals Schulen und Krankenhäuser für alle, Universitäten wurden eingerichtet, kein Bauer verhungert heute mehr. Mag das Rechtssystem noch unzureichend sein – immerhin gibt es eines. Das ist, dank China, ein materieller Fortschritt, und keine Spiritualität wird diese Erfahrungen rückgängig machen können.

»Der letzte Dalai Lama?«, Regie: Mickey Lemle, USA 2017, 82 min, Kinostart: 24. Mai

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