Aus: Ausgabe vom 22.05.2018, Seite 6 / Ausland

Sister Kiilu

Im vergangenen Monat verstarb Kiilu Nyasha, Veteranin der Black Panther, Journalistin, Künstlerin sowie Fernseh- und Radiomoderatorin

Von Mumia Abu-Jamal
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Eine Demo der Black Panther in New Haven im Jahr 1970

Vielen Menschen in Kalifornien ist der Name Kiilu Nyasha so vertraut wie der einer Tante oder einer anderen nahen Verwandten. Das liegt vor allem daran, dass Kiilu Nyasha als Moderatorin des revolutionären Programms »Freedom is a Constant Struggle« beim öffentlichen Fernsehkanal SF Commons channel 76 in San Francisco bekannt wurde.

Geboren als Pat Gallyot, war sie zur Zeit der Black Panther Party Mitglied der Ortsgruppe von New Haven (Connecticut) und wurde von ihren Genossinnen und Genossen schlicht »Sister Kiilu« genannt. Während des Mordprozesses gegen die Panthers Bobby Seale und Ericka Huggins im Jahr 1970 arbeitete Schwester Kiilu für den Bürgerrechtsanwalt Charles Garry, der viele von der US-Justiz verfolgte Parteimitglieder vor Gericht verteidigte.

Im Oktober 2002 veröffentlichte Kiilu unter dem Titel »A Chapter in the Life of the Party« im Online- und Printmedium San Francisco Bay View National Black Newspaper einen bemerkenswerten Artikel über ihre Jahre in der Partei. Darin erklärte sie, warum sie sich von ihr angezogen fühlte, und erläuterte die vielen Aufgaben, die sie als eines der älteren Mitglieder im Laufe der Jahre übernommen hatte. Eindringlich beschrieb sie ihre Erlebnisse bei der Demonstration, die am 1. Mai 1970 in New Haven für die Freiheit der inhaftierten Panther und zur Beendigung des Vietnamkriegs veranstaltet worden war: »Noch nie in meinem Leben hatte ich so viele Leute an einem Ort versammelt gesehen. Die Schätzungen bewegten sich zwischen 20.000 und 50.000 Menschen aus dem ganzen Land und aus dem Ausland. Die gesamte Bewegung war vertreten. In den Flugblättern, mit denen wir für die Demo am 1. Mai mobilisierten, hatten wir angemerkt, alle sollten ›eine Dose Essen‹ mitbringen. Dann brachten alle tatsächlich so viel Essen mit, dass wir in Garrys Büro einen ganzen Raum damit füllen und es später in unserem ›Free Food Programm‹ verteilen konnten. Weil Gerüchte über angeblich drohende Gewalt in Umlauf gebracht worden waren, verdrückte sich ein Drittel der Studierenden der University of Yale wieder. Es war das erste Mal, dass ich Nationalgardisten im Einsatz erlebte. Sie säumten die Seitenstraßen der Stadt und waren mit Gewehren bewaffnet, auf die sie Bajonette aufgepflanzt hatten. Bajonette!«

Nachdem Kiilu die Partei verlassen hatte, erkrankte sie an multipler Sklerose und saß viele Jahre ihres Lebens im Rollstuhl. Aber sie definierte sich nicht über die Krankheit und ließ sich nicht von ihren Aktivitäten abhalten. Sie entwickelte vielmehr ihre außerordentlichen Talente als Künstlerin und arbeitete als Journalistin, Kommentatorin und Moderatorin.

Viele Jahre unterstützte sie die Solidaritätskampagne für den inzwischen verstorbenen politischen Gefangenen Hugo »Yogi« Pinell. Sie war auf allen Ebenen eine nie versiegende Quelle des Widerstands gegen das System. Junge Leute in der Bay Area von San Francisco liebten und respektierten sie als erfahrene Veteranin der Bewegung. Wir gedenken Kiilu Nyasha – Mutter, Künstlerin, Rundfunkkommentatorin, Revolutionärin –, die im vergangenen Monat im Alter von 78 Jahren starb. Sie war eine große Inspiration für uns alle.

Übersetzung: Jürgen Heiser

http://kiilunyasha.blogspot.de/

Der Nachruf erschien ursprünglich auf http://sfbayview.com/2018/04/good-night-kiilu/


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