Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 2 / Inland

»Der Eigentümer wollte uns loswerden«

Vom Vermieter ausgetrickst, dann verdrängt: Das Eiszeit-Kino in Berlin-Kreuzberg muss schließen. Gespräch mit Burkhard Voiges

Interview: Peter Schaber
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Am heutigen Freitag schließt – nach mehr als drei Jahrzehnten – das 1981 gegründete Kino »Eiszeit«. Wie kam es zu dem doch recht plötzlichen Ende?

Die Ursachen lassen sich im Grunde genommen relativ einfach zusammenfassen. Wir haben mit unserem Vermieter einen Feind an Bord gehabt. Er hat es von Anfang an darauf angelegt, uns loszuwerden, weil er einfach mehr Miete haben will.

Wer ist der Vermieter und seit wann ist er Eigentümer des Hauses in der Zeughofstraße?

Er hat das Haus erst seit relativ kurzem, ich glaube, seit 2014. Es hatte zum Immobilienbesitz von Atze Brauner gehört, der dann irgendwann Insolvenz anmelden musste. Dann ging es durch merkwürdige Firmenkonstruktionen, der Preis stieg immer höher und der Münchener Maximilian Bernau, der heutige Eigentümer, hat es für einen relativ hohen Preis gekauft. Er verfolgte von Anfang an das Ziel, aufwendige Luxusmodernisierungen umzusetzen.

Hinter Ihrer Verdrängung steht ja eine längere Geschichte. Der Vermieter hatte ja Baukostenzuschüsse zugesagt, die er dann nicht einlösen wollte. Was ist da genau vorgefallen?

Das kann man zwar alles erklären, aber am Ende ist es egal. Denn er wird auf jeden Fall behaupten, das ist alles Blödsinn. Das Hauptproblem ist, dass es Menschen gibt, die einfach die Lüge zu ihrem Lebensprinzip erklärt haben. Wenn man mit solchen Leuten zu tun hat, hat man nur zwei Möglichkeiten: es ihnen gleich tun oder verlieren. Und wir haben eben verloren. Weil wir nach anderen Kriterien leben und unser Geschäft nach anderen Kriterien durchgeführt haben.

Schon deshalb wollte er uns raushaben. Wir hatten ja im Hinterhaus einen noch fast 20 Jahre laufenden Mietvertrag in einer Fabriketage. Wir haben der Auflösung dieses Mietvertrages zugestimmt, weil er uns im Vorderhaus attraktivere Räume angeboten hat. Wir konnten ausbauen. Wir haben einen sehr umfangreichen Mietvertrag mit ihm abgeschlossen, der auch ganz klar regelt, wie der Baukostenzuschuss, den er an uns zu bezahlen hat, zu leisten ist.

Wir haben die Bedingungen für die Auszahlung zu mehr als hundert Prozent erfüllt. Es sollte so laufen: Wir bauen, legen die Rechnungen vor und bekommen dafür Geld. Wir haben die Rechnungen von einem Bausachverständigen, im übrigen dem Bausachverständigen des Vermieters, prüfen lassen. Dennoch wollte Herr Bernau nicht zahlen.

Wir haben es mit Mediation versucht, mit schlichtenden Gesprächen. Jedem, der sich beteiligt hat, war irgendwann klar: Der Vermieter will keine Einigung. Die finale Falle war dann, dass er in einem Gespräch vor Zeugen erklärt hat, man könne über eine Verrechnung mit der Miete anfangen, den Baukostenzuschuss auszugleichen. Das war im November. Er stimmte zu, dass wir ab Januar keine Miete bezahlen. Die sollte gestundet werden, bis es neue Verhandlungsergebnisse gibt. Dann hat er Ende März per Anwalt die fristlose Kündigung geschickt. Mit der Begründung, wir hätten ja drei Monate keine Miete bezahlt. Er hat sofort die Räumung beantragt und behauptet, es hätte nie eine Vereinbarung zur Stundung gegeben.

Gab es keine Möglichkeit, das einzuklagen?

Das Hauptproblem ist, wenn man seinen Anwalt fragt: »Was tun wir jetzt?« Dann wird der Anwalt sagen: »Gerichte in Berlin, schwierig. Grundsätzlich überfordert, es dauert ein bis zwei Jahre, bis man überhaupt einen Termin kriegt.« Außerdem muss man in Vorleistung gehen – für den Anwalt, die Gerichtskosten. Das wären Summen, die wir nicht aufbringen können. Kulturbetriebe haben solche Rücklagen nicht. In dieser Stadt schon mal gar nicht, weil es immer schlechtere Bedingungen gibt, um vernünftig wirtschaftlich arbeiten zu können.

Genau das wusste der Eigentümer auch von Anfang an. Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir darauf angewiesen sind, dass unser Finanzierungsplan für den Ausbau funktioniert. Genau das ist uns zum Verhängnis geworden. Er hat uns Knüppel zwischen die Beine geworfen, wo es nur ging. Schon vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt: »Wenn ich gewusst hätte, wer heute alles nach Kreuzberg will, hätte ich euch den Mietvertrag nicht gegeben.«

Warum haben Sie sich nicht an die zahllosen politischen Initiativen in Kreuzberg, wie etwa »Zwangsräumung verhindern«, gewandt?

Wir haben gedacht, dass wir das mit eigenen Kräften schaffen. Wir waren am Ende selber überrascht. Wir haben es einfach nicht geglaubt, dass das so kommt. Wir waren emotional noch gar nicht an dem Punkt, wo man solche Aktivitäten entfaltet, weil wir selbst überrascht waren von dieser Eskalation.

Burkhard Voiges betreibt zusammen mit Rainer Krips das Eiszeit-Kino in Berlin-Kreuzberg


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