Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

»Ringen nach Schwung«

Die Grenzgänger vertonen Gedichte des jungen Marx, morgen sind sie in Berlin zu hören

Von Arnold Schölzel
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»Die ganze Breite eines Sehnens«: Heinrich Heine, Karl und Jenny Marx 1844 in Paris

Karl Marx ging kompromisslos mit Manuskripten um, auch mit seinen eigenen. Er überließ ganze Konvolute der »nagenden Kritik der Mäuse«, wie er über die »Deutsche Ideologie« lästerte, in der er gemeinsam mit Friedrich Engels 1845 und 1846 in Brüssel die materialistische Geschichtsauffassung umriss, oder machte ein Feuer draus. Zu seinen Lebzeiten blieb, was übrig blieb, und das war gewaltig, der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Erst im 20. Jahrhundert wurde mit den Marx-Engels-Gesamtausgaben (MEGA) Nummer eins (1927 bis 1935) und Nummer zwei (Ende der 1960er Jahre in DDR und Sowjetunion gestartet und nach 1990 aufgrund von Widerstand aus dem Ausland gegen die bundesdeutsche Marxtöterei weitergeführt) der Umfang sichtbar, darunter auch die dichterischen Versuche des 18jährigen Studenten der Rechtswissenschaften in Bonn (1835/1836) und Berlin (1836 bis 1841).

Marx, der als 17jähriger um die Hand der vier Jahre älteren Jugendfreundin Jenny von Westphalen (1814–1881) geworben hatte, erhielt kurz vor oder nach seinem 18. Geburtstag die förmliche Erlaubnis seiner Eltern zur Verlobung, etwa ein Jahr später die von Jennys Vater. 1897 schrieb die Tochter von Jenny und Karl Marx, Eleanor Marx (1855–1898), in der SPD-Zeitschrift Neue Zeit, in ihrem Besitz befänden sich drei »ziemlich dicke« Bände Gedichte, die auf Berlin 1836 datiert seien: »Buch der Liebe«, Teil eins und zwei, sowie »Buch der Lieder«, alle drei gewidmet »Meiner teuren, ewiggeliebten Jenny von Westphalen«. Sie enthalten auf 262 Seiten insgesamt 56 Gedichte. Bruchstücke daraus veröffentlichte Franz Mehring (1846–1919) in den von ihm herausgegebenen Bänden »Aus dem literarischen Nachlass von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle«. Danach waren diese Hefte verschollen, erstmals wurden die Gedichte 1975 im ersten Band der ersten Abteilung der zweiten MEGA veröffentlicht.

Marx selbst hielt mit einigem Recht später nicht viel von seinen lyrischen Versuchen. Seine Tochter Laura Lafargue (1845–1911) schrieb darüber an Mehring: »Ich muss Ihnen sagen, dass mein Vater diese Verse sehr respektlos behandelt hat; allemal, wenn meine Eltern darauf zu sprechen kamen, lachten sie herzlich über diese Jugendtorheiten.« Marx selbst beschreibt bereits ein Jahr nach dem Versenden der Gedichte in einem Brief an seinen Vater seine »lyrische Poesie« als »rein idealistisch«: »Ein ebenso fernliegendes Jenseits, wie meine Liebe, wurde mein Himmel, meine Kunst. Alles Wirkliche verschwimmt, und alles Verschwimmende findet keine Grenze, Angriffe auf die Gegenwart, breit und formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflexionen statt poetischer Gedanken, aber vielleicht auch eine gewisse Wärme der Empfindung und Ringen nach Schwung bezeichnen alle Gedichte der ersten drei Bände, die Jenny von mir zugesandt erhielt. Die ganze Breite eines Sehnens, das keine Grenze sieht, schlägt sich in mancherlei Form und macht aus dem ›Dichten‹ ein ›Breiten‹.«

Gnadenloser geht’s kaum, aber auch nicht ungerechter. So talentlos waren die Ergüsse nämlich nicht. Insofern ist es ein Verdienst der Bremer Band Grenzgänger, »Die wilden Lieder des jungen Marx« herauszubringen. Sie haben mehr aus ihnen gemacht, als der Autor ahnen konnte. Die vier (Michael Zachcial, Annette Rettich, Frederic Drobnjak und Felix Kroll) nehmen mit elegantem Arrangement, sparsam-klarem Instrumenten- und Stimmengebrauch aus den Texten Dampf und Überschwang, aber nicht Wärme heraus. Was sich auf dem Papier stürmisch-drängend oder exaltiert liest, wirkt auf einmal reflektiert, freundlich reduziert aufs Wesentliche. Manche Zeilen stiften die Gruppe zum Chanson an (»In seinem Sessel behaglich und dumm / da sitzt schweigend das deutsche Publikum«), andere zum swingenden Song. Die eine Wendung scheint den künftigen Revolutionär vorwegzunehmen (»Darum lasst uns alles wagen / Niemals rasten, niemals ruhn /Nur nicht dumpf so gar nichts sagen / und so gar nichts wolln und tun«), anderes gelingt Marx volksliedhaft (»Männerl und Trommerl«). Er zeigt schon mal die Pranke seiner Religionskritik (»Weltgericht«): »Dann solln wir Gott, den Ewigen loben, / Hallelujah ewig schrei’n«, wobei sich die Grenzgänger eine Ergänzung von eigener Hand erlauben: »Ich will da nicht rein / in’n Himmel will ich nicht rein«). Am Schluss eine glänzende Persi­flage auf frömmelnde Verschlimmbesserer der Weimarer Klassik: »Schiller, meint er, sei leidlich gewesen / Hätt er nur mehr in der Bibel gelesen«. Und auf Goethe: »Zwar das Schöne hat er manchmal gedacht / doch vergaß er zu sagen: ›Gott hab’ es gemacht‹«.

13 sehr frisch vertonte Gedichte, deren Autor eindeutig zuwenig Ahnung hatte, was sich aus seinen Texten machen lässt. Nummer 14: ein gemixtes Instrumental aus »Mit uns zieht die neue Zeit« und »Internationale«. Berliner Premiere ist am morgigen Freitag auf der RotFuchs-Feier zum 200. Geburtstag von Marx.

Die Grenzgänger: »Die wilden Lieder des jungen Marx« (Müller-Lüdenscheidt/ Broken Silence)

18.5. RotFuchs-Festveranstaltung zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Vortrag von Götz Dieckmann und Die Grenzgänger. Freitag, 18. Mai, 16 Uhr, »ND-Gebäude«, Münzenbergsaal, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin


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