Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 16 / Sport

Nicht so weit weg

Olympique Marseille hat gegen einen früheren Fan verloren

Von Jens Walter
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»Traumhaft über Mandanda gespitzelt«: Griezmann und das 2:0

Antoine Griezmann war der Held des Europa-League-Finales am Mittwoch abend in Lyon. »Griezmann mag als Marseille-Fan aufgewachsen sein«, brachte The Sun am Tag danach den Blues vieler Le Bleus auf den Punkt, »er zeigte keine Gnade mit seinem Jugendklub.« Um die 50 Kilometer vom Groupama-Stadion entfernt in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, blieb der kleine Franzose in Diensten Atlético Madrids gewohnt eiskalt. Nur im dezenten Jubel war der Nationalstürmer noch dem Verein seiner Kindheit und Jugend in Mâcon (Burgund) verpflichtet.

Ultras der Franzosen hatten den Abend mit imposanten bengalischen Feuern eröffnet und schwere Feuerwerkskörper krachen lassen. Als die Partie mit leichter Verzögerung angepfiffen wurde, schien Atlético Madrid verunsichert, in der vierten Minute schoss OM-Stürmer Valère Germain frei vor Torhüter Jan Oblak klar vorbei. 180 Sekunden später ging auch ein Distanzschuss seines Abwehrkollegen Adil Rami daneben. »Wenn Griezmann bei uns gespielt hätte, wäre es anders ausgegangen«, sollte Rami nach der 0:3-Niederlage konstatieren.

In der 21. Minute hatte André Zambo Anguissa im Mittelfeld einen holprigen Pass von Torwart Steve Mandanda verstolpert – und damit Griezmanns Führungstor eingeleitet. Kapitän Gabi steckte auf den Franzosen durch, und der schob frei vor Mandanda ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Zehn Minuten später verließ Marseilles Offensivstar und Kapitän Dimitri Payet unter Tränen verletzt den Platz. Von diesem Doppelschlag erholte sich OM nicht mehr. Kurz nach dem Seitenwechsel war Griezmann nach einer herrlichen Vorlage von Mittelfeldstratege Koke erneut frei durch und spitzelte den Ball traumhaft über den chancenlosen Mandanda.

Gefährlich wurde OM nur in der Schlussphase noch mal. Ein Kopfball von Kostas Mitroglou (80.) ging an den Innenpfosten. Atlético-Kapitän Gabi traf kurz vor Schluss zum 3:0 Endstand. Der dritte Europa-League-Sieg nach 2010 und 2012 dürfte Griezmanns Abschied erleichtern, sein Hundert-Millionen-Wechsel zu Barça scheint besiegelt. »Ich habe keinen Zweifel daran, dass er bei uns bleiben kann«, sagte Trainer Diego Simeone unmittelbar nach den ersten Freudenausbrüchen unter dem Konfettihimmel. Später klang er schon weniger überzeugt: »Hoffentlich ist er glücklich und bleibt bei uns.« Und dann schon beinahe weinerlich: »Sportlich sind wir nicht so weit weg von den Teams, die tiefer in die Tasche greifen können.«

Griezmann schlenderte nach Mitternacht mit Fanschal um die Hüfte zum Mannschaftsbus und meinte diplomatisch: »Es ist jetzt nicht die Zeit, um über meine Zukunft zu reden. Ich will die Gegenwart genießen.«

In ähnlicher Gemütslage nahm Fernando Torres mit seiner Familie auf dem Platz Abschied. Kurz vor Schluss war er ein letztes Mal eingewechselt worden. Nach 17 Jahren klingt seine Karriere aus. Weltmeister ist er geworden, zweimal Europameister. Die Champions League hat er gewonnen und am Ende mit seinem Stammklub die Europa League. »Dieses Glück ist schwer zu erklären«, sagte El Niño.


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