Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 15 / Feminismus

Studentinnen im Streik

Chile: Protestmärsche gegen Missbrauch und Sexismus im ganzen Land. Feministische Besetzungen an 15 Universitäten

Von Sophia Boddenberg, Santiago de Chile
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Frauenpower in Santiago: Am 16. März kamen rund 150.000 überwiegend weibliche Studierende zur Demo gegen patriarchale Verhältnisse an den Universitäten in Chiles Hauptstadt

Seit Wochen besetzen Studentinnen in Chile Universitäten und streiken, um auf sexuellen Missbrauch aufmerksam zu machen. Am Mittwoch gingen insgesamt rund 150.000 Menschen in der Hauptstadt Santiago auf die Straße und forderten ein Bildungssystem ohne Sexismus. Die meisten Demonstrierenden waren Frauen. Sie trommelten, sangen und riefen Parolen. Auf Plakaten stehen Slogans wie »Die Revolution wird feministisch sein, oder es wird sie nicht geben«. Auch in anderen Städten wie Talca, Valdivia, Temuco und Antofagasta beteiligten sich Tausende an Kundgebungen.

Mittlerweile gibt es »Tomas feministas«, feministische Besetzungen, an 15 Universitäten im Land. Den Anfang machten junge Frauen an der Universidad Austral in Valdivia im Süden Chiles. Dort wird bereits seit 30 Tagen gestreikt. Valentina Gatica, Präsidentin der dortigen Studentenföderation, forderte die »Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in allen Studiengängen, eine Begleitung bei der Aufklärung von Fällen sexueller Belästigung, Gewalt und Diskriminierung sowie härtere Sanktionen« für Täter. Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt müsse eine Priorität der Universität sein.

Araceli Farías, Sprecherin für Genderthemen der nationalen chilenischen Studentenföderation Confech, sagte am Mittwoch gegenüber jW, an den meisten Universitäten gebe es keine Festlegungen zum »Umgang mit Missbrauch und zur Unterstützung der Opfer«. Deshalb habe sich die Protestbewegung so schnell verbreitet.

In Santiago wurde zuerst die rechtswissenschaftliche Fakultät der renommierten Universidad de Chile besetzt. Der Auslöser dafür war der Fall einer Studentin, die vor mehr als acht Monaten den Professor und ehemaligen Verfassungsrichter Carlos Carmona wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hatte. Die Universität ergriff jedoch keinerlei Maßnahmen. Erst kürzlich wurde Carmona vom Dienst suspendiert. Die Studentinnen wollten aber nicht nur auf diesen Fall aufmerksam machen. In einer öffentlichen Erklärung betonten sie: »Die Gewalt ist ein strukturelles Phänomen. Wir müssen nicht nur den Markt aus unserer Bildung verbannen, sondern auch die patriarchalen Strukturen.« Daraufhin wurden immer mehr Fakultäten besetzt. Der Betrieb an der Uni ist weitestgehend lahmgelegt, statt dessen organisieren die Studentinnen Versammlungen, um über ihr weiteres Vorgehen zu beraten. Sie fordern ein klares Prozedere in Fällen von sexuellem Missbrauch und Diskriminierung. Außerdem solle die Universität Vorkehrungen zur Prävention treffen.

Ennio Vivaldi, Rektor der Universidad de Chile, erklärte am Mittwoch, die Hochschulleitung habe bereits Schritte eingeleitet, um Missbrauch zu verhindern und Opfern zu helfen. Mit den Besetzungen ist er nicht einverstanden: »Es gibt viel angestaute Wut und Frustration, die zu unverständlichen Maßnahmen führen.« Carlos Saavedra, Rektor der Universität von Concepción, hat eine Reform angekündigt.


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