Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Milde Euphorie

»Knock Knock«: DJ Koze möchte Hörgewohnheiten »aufmeißeln«

Von Michael Saager
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Klar ist: Wie DJ Koze es macht, das schafft oder will kein zweiter

Im Grunde ist alles wie immer. Ein Blick in die Rezensionen der am Markt verbliebenen Musikfachblätter oder in die Musikfeuilletons deutschsprachiger Tageszeitungen – und man weiß einmal mehr: Alle, wirklich alle lieben DJ Koze. Hurra. Das ist weitaus weniger mysteriös als beinahe schon langweilig. Womit hat der Mann, den ein Kollege einmal als »lustigsten Menschen der Welt« beschrieb, das eigentlich verdient?

Für Kenner von Stefan Kozallas Werk, zu dem seine DJ-Auftritte unbedingt dazugehören, ist das eine rein rhetorische Frage. Flexibler und phantasievoller als das ehemalige Fischmob-Mitglied legt kaum jemand in der Clubszene auf. Wann der Baum mit der großen Axt gefällt werden muss, weiß der kluge Hamburger Plattenaufleger selbstverständlich auch. Andernfalls würde er nicht immer wieder die DJ-Ranglisten anführen.

Brutale bzw. brutal-niedliche Tracks wie auf dem ersten Album »Kosi Comes Around« von 2005 hat der 1972 in Flensburg geborene Mitbetreiber des Lieblingsplattenlabels Pampa auf dem sehr zärtlichen Schmuse-House-Pop-Album »Amygdala« von 2013 indes konsequent vermieden. Und jetzt, wo der dritte Longplayer »Knock Knock« draußen ist, weiß man, was man vorher ahnte: Heftig ist die Nacht da draußen, das Wohnzimmer aber soll auch den nächsten Tag noch bewohnbar sein. Anders gesagt, handelt es sich bei »Knock Knock« um ein Album von tröstlich-melancholischer Anmut und eher milder euphorischer Momente. Der fette Party-Wumms bleibt Sache der Maxis.

DJ Koze wünscht sich, dass man seinen so eigensinnigen wie lässig grenzüberschreitenden House- und Down-Beat-Stücken mit einer Gesamtspielzeit von stattlichen 80 Minuten jenen Raum zur Entfaltung lässt, den sie brauchen. Angesichts zehntelsekundenkurzer Aufmerksamkeitsspannen nicht bloß des notorisch ungeduldigen Partyvolkes – ein naiver Wunsch. Einerseits.

Andererseits hört man geschmackssicher ausgewählten Gastsängerinnen und -sänger wie Molokos Róisín Murphy, Kurt Wagner (von Lambchop), Arrested Developments MC Speech, José González oder Sophia Kennedy wie immer gern und deshalb auch schon mal ein bisschen länger zu. Ja, und dann sind da natürlich tief brummende Fransenbässe zum Anfassen, niedliche Kuhglocken, herumfliegendes Blechspielzeug, überhaupt allerlei herrlich alberne Sound- und Stimmverfremdungen, für deren Innovations- und Überraschungsgehalt DJ Koze seit Jahren geliebt wird wie kein zweiter, weil es so wie DJ Koze nun mal keiner macht, will oder hinbekommt.

Albern – hat hier gerade jemand albern gesagt? Armer DJ Koze. Hörgewohnheiten möchte er »aufmeißeln«, musikalisch rumkalauern jedoch keinesfalls. Die Humorfalle sei die Hölle, sagt er. Ach, geht so. Der sehr ernsten Techno- und House-Szene kann musikalischer Humor nur guttun. Und DJ Koze hat ja auch selber schuld. Soll er doch in Zukunft todlangweilige 08/15-Tracks machen. Nein, soll er natürlich nicht.

DJ Koze: »Knock Knock« (Pampa/Rough Trade)

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