Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Frosch im Kochtopf

Darf so einer überhaupt noch Filme machen? Roman Polanskis neuer Psychothriller

Von André Weikard
NEWG_007.jpg
Delphine (Emmanuelle Seigner) fühlt sich beobachtet

Sie haben Roman Polanski rausgeschmissen. Zusammen mit dem Sexualstraftäter Bill Cosby flog der 84jährige Anfang des Monats aus der Akademie, die die Oscars verleiht. Mit dieser Maßnahme hat Hollywood sich Zeit gelassen. Seit 40 Jahren liegt in den USA ein Haftbefehl gegen Polanski vor, wegen Vergewaltigung einer 13jährigen. 2002 erhielt er in Abwesenheit den Regie-Oscar für sein Holocaustdrama »Der Pianist«.

Darf so einer für sein Werk geehrt werden? Darf er überhaupt noch Filme machen? Und falls nicht: Verjährt ein solches Vergehen irgendwann? Mit diesen Fragen müssen sich Jurys im Falle von Polanskis neuem Film »Nach einer wahren Geschichte« nicht herumquälen. Er ist schlicht nicht preiswürdig. Die durchaus gelungene, aber sehr konventionelle Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Delphine de Vigan variiert noch einmal die Themen einer langen, erfolgreichen Regiekarriere, vom Verschwimmen von Realität und Fiktion über Schreibblockade und Versagensangst bis hin zur selbstzerstörerischen Paranoia.

Vor einem leeren Blatt Papier verzweifelnd, gerät Erfolgsautorin Delphine (Emmanuelle Seigner) unter die Fuchtel einer aufdringlichen Leserin und Verehrerin (Eva Green). Die zieht scheinbar zufällig in die Nachbarschaft, lädt niemanden sonst zu ihrer Geburtstagsparty und nistet sich schließlich in der Wohnung der Angebeteten ein. Nach und nach nimmt sie der depressiven Delphine das Leben ab. Erledigt die Einkäufe, beantwortet die Post. Schließlich kleidet sie sich wie ihr Idol und gibt sich für sie aus. Den Konventionen des Psychothrillers folgend, wird das alles immer gruseliger. Aber Delphine geht es wie dem Frosch im Kochtopf. Sie verpasst den richtigen Moment, um auszusteigen, erträgt eine Situation, die immer ungemütlicher wird. Bis es zu spät ist.

Aus der undurchsichtigen Stalkerin wird eine eifersüchtige Tyrannin. Die Parallelen zu Stephen Kings Horrorklassiker »Misery« sind unübersehbar. Mit einem gebrochenen Bein humpelt die Heldin in die Fänge ihres pflegenden Groupies.

Über das bekannte Schema hinaus geht »Nach einer wahren Geschichte« nur einmal. Da scheint die passive Delphine die Initiative zurückzuerlangen. Sie horcht ihre Peinigerin aus, bannt den Dämon in kleine Notizhefte, scheint nun diejenige zu sein, die die andere benutzt, sich ihrer bemächtigt.

Das Duell der ungleichen Frauen entwickelt mit vielen bösen Blicken, schnippischen Bemerkungen und einigen nervösen Zusammenbrüchen durchaus Charme, aber der Kinoabend wird doch sehr lieblos abgewickelt. So enden Grillabende, bei denen der Gastgeber sich früh verausgabt hat: Beim Dessert fallen ihm die Augen zu. Der in ungezählten Feuilletons nicht geklärten Frage, wann der Umgang eines Autors mit den Mitmenschen zum Missbrauch wird, wird nichts Neues hinzugefügt. Und so ist es wohl richtig, dass in diesen Tage mehr über einen realen Missbrauch gesprochen wird, egal, wie lange er zurück liegt. »Nach einer wahren Geschichte« ist ein solide unterhaltender Thriller, darüber hinaus aber nicht der Rede wert.

»Nach einer wahren Geschichte«, Regie: Roman Polanski, F 2017, 100 min, gestern angelaufen


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton