Aus: Ausgabe vom 18.05.2018, Seite 1 / Titel

Party der Ausbeuter

Dachverband der Leiharbeitsfirmen feiert 20jähriges Bestehen. Manager setzen aggressiv auf Wachstum der Branche. Gregor Gysi als Gastredner

Von Simon Zeise
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Sieht in Niedriglöhnen Chancen für ­Flüchtlinge: Gregor Gysi am Donnerstag in Münster

Leiharbeit ist bei den Bossen beliebt. Die Beschäftigten haben kaum Rechte, können schnell gefeuert werden und sind im Vergleich zum Stammpersonal günstig zu haben. Gewerkschaftliche Organisierung ist schwer. Die Spaltung der Belegschaften in den Betrieben wird vorangetrieben.

Am Donnerstag feierte die Branche Geburtstag. In Münster beging der Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) sein 20jähriges Bestehen. Der IGZ-Bundesvorsitzende Christian Baumann gab die Marschrichtung vor. Ziel sei die allgemeine Akzeptanz der Zeitarbeit als Normalarbeitsverhältnis, erklärte er in einer Pressemitteilung vom Donnerstag.

Für Kritik am Geschäftsmodell sind die Damen und Herren nicht empfänglich. Die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Die Linke) hatte am 10. Mai darauf hingewiesen, dass vollzeitbeschäftigte Leiharbeiter im Bundesdurchschnitt im Vergleich 1.317 Euro brutto weniger als ihre festangestellten Kollegen verdienen. Zudem seien 71 Prozent der Leiharbeiter zusätzlich auf Hartz IV angewiesen. »Leiharbeit war und ist der Motor der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland«, hatte Zimmermann gegenüber dpa mitgeteilt. Der IGZ polterte zurück: »Die Aussagen von Sabine Zimmermann (…) mögen sich für kurzfristige PR-Zwecke eignen, der komplexen Realität in einem Feld, das verantwortungsbewusst behandelt werden muss, werden sie leider nicht gerecht«, gab Hauptgeschäftsführer Werner Stolz am Montag zu verstehen. Schließlich habe »jeder dritte Langzeitarbeitslose, der in der ersten Jahreshälfte 2017 eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt fand, (…) diese in der Zeitarbeit« gefunden. »Ich denke, auch Frau Zimmermann möchte Menschen mit schwieriger Biographie weiterhin Chancen eröffnen«, schloss Stolz.

Zimmermann wollte das so nicht stehenlassen. Gegenüber jW erklärte sie: »Die Äußerungen des IGZ verkehren die Realität ins Gegenteil und sind eine plumpe Rechtfertigung für ein Geschäftsmodell, das Beschäftigten faire Löhne vorenthält und keine wirkliche Perspektive bietet.« Dies noch schönzureden sei ein Schlag ins Gesicht der Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer und einfach nur zynisch. Der überwiegende Teil der in der Branche Tätigen wähle diese Beschäftigungsform nicht freiwillig, sondern in Ermangelung von Alternativen und unter Androhung von Leistungskürzungen durch die Arbeitsverwaltung, erklärte Zimmermann. »Viele Normalarbeitsplätze wurden durch Leiharbeit ersetzt, durch Arbeitskräfte, die von den entleihenden Unternehmen in kürzester Zeit wieder an den Verleihbetrieb zurückgegeben werden können und zur Ware degradiert werden.« Diesem Handel müsse endlich ein Riegel vorgeschoben werden, forderte sie.

Vor der Messehalle in Münster hielt am Donnerstag ein Dutzend Demonstranten eine Mahnwache gegen die Zustände in der Branche ab. Die Protestierenden trugen symbolisch Ketten an den Füßen und forderten auf Transparenten »Leiharbeit verbieten«. Den »Sklavenhaltern« in der Branche müsse Einhalt geboten werden, erklärte ein Sprecher gegenüber jW. »Leiharbeiter sind flexible Manövriermasse der Wirtschaft«, kritisierten sie.

In der Halle hoben derweil die Festredner zum Ständchen an. Neben dem früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) gratulierte auch der einstige Vorsitzende der Linkspartei, Gregor Gysi. Chancen böte der Niedriglohnsektor für Flüchtlinge. »Wir werden in Integrationsfragen nicht in erster Linie auf Zeitarbeit setzen«, sagte Gysi, »aber wir werden auch nicht dagegen sein, wenn es der Integration dient«.

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Debatte

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  • Beitrag von Matthias M. aus H. (17. Mai 2018 um 23:41 Uhr)

    Wenn ein Leiharbeiter genau dasselbe Geld bekäme wie sein festangestellter Kollege, und zwar auch, wenn er grade zwischen zwei Einsätzen keine Arbeit hat, und wenn für diese Überbrückung seine Zeitarbeitsfirma dafür von den ausleihenden Betrieben mehr verlangt, wäre das Modell OK, nämlich wie es ursprünglich gedacht war: als flexible Spitzenlastabdeckung, wo niemand über den Tisch gezogen wird. Der ausleihende Betrieb bekommt für einen angemessenen Aufpreis Fachkräfte für eine zeitlich begrenzte Spitzenlastabdeckung und der Arbeiter hat trotzdem einen Dauerjob mit Tarifbezahlung wie der festangestellte Kollege. So hätte jeder was davon.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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