Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 16 / Sport

Der Blick nach oben

Der frühere Handballserienmeister TV Großwallstadt kämpft sich aus der Drittklassigkeit

Von Oliver Rast
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Größter Moment der Vereinsgeschichte: Kurt Klühspies präsentiert den Grosswallstädtern den Europapokal (30.04.1979)

Der Turnverein Großwallstadt 1888 war einst die Topadresse im westdeutschen Handballsport. Ein Serienmeister aus dem ländlichen bayerischen Untermain, zwischen Aschaffenburg und Darmstadt gelegen. Seit 1925 hat der TVG seine Handballabteilung. Die Trophäensammlung in den Vereinsvitrinen stammt vor allem aus den 1970er und 1980er Jahren: sieben deutsche Meisterschaften, vier Pokalsiege und fünf internationale Titel. 1980 war das Erfolgsjahr in der TVG-Geschichte. Die legendären sieben um Torwart Manfred Hofmann und den rechten Rückraumspezialisten Kurt Klühspies räumten alles ab, was zu holen war: Meistertitel und Pokal, Europapokal der Landesmeister und Supercup.

Die Titelserie begann noch unter freiem Himmel: Meister im Feldhandball. Das war 1973. Einer, der schon damals dabei war ist Hofmann. Der heute Siebzigjährige personifiziert als gebürtiger Großwallstädter den TV wie kein anderer. Früh ging er als Nationaltorhüter in die sportpolitischen Annalen ein. »Mein ganzes Leben ist nur der eine Siebenmeter, das macht mich wahnsinnig«, sagt Hofmann in einer TV-Dokumentation des NDR aus dem Jahr 2016. Er meint die letzte Szene im Rückspiel der Olympia-Qualifikation zwischen der DDR und BRD am 6. März 1976 in Karl-Marx-Stadt, das Hinspiel gewann die BRD unter Trainer Vlado Stenzel in München mit 17:14. Hans Engel, Spieler vom ASK Vorwärts Frankfurt, steht beim Stand von 11:8 für die DDR am Siebenmeterstrich, vor ihm Hofmann, komplett in knalligem gelb. Engel täuscht einmal an, Hofmann zuckt kurz mit dem rechten Bein nach rechts, Engel holt wieder aus, wirft, Hofmann zieht reflexhaft das linke Knie hoch und pariert den mittelscharf geworfenen Ball. Ein Fehlwurf mit dramatischen Folgen: Statt des favorisierten Kollektivs aus der DDR qualifizierten sich die BRD-Mannen für die Olympischen Spiele im kanadischen Montreal.

Auch vier Jahre später geriet Hofmann in die Ost-West-Blockkonfrontation. »Der Olympiaboykott war kein Meisterstück«, sagte der Handballweltmeister von 1978 dem Spiegel im Mai 1980 und trat aus der Nationalmannschaft zurück. Nach der Saison 1981/1982 verabschiedete er sich ganz vom aktiven Leistungssport. Die sowjetische Regierung unter Leonid Breschnew unterstützte ab Ende Dezember 1979 die Ende April 1978 an die Macht gelangte Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) mit Truppenkontingenten. Auf Druck des US-Präsidenten James Carter schlossen sich weltweit insgesamt 42 Nationale Olympische Komitees (NOK) dem Olympiaboykott an – darunter das westdeutsche.

Die damaligen Konkurrenten des TV Großwallstadt kamen überwiegend aus Örtchen, die nur geographisch Gutgebildete kennen: Gummersbach und Nettelstedt, der VfL und die TuS. Auf dem Handballparkett dominierten Dörfer Städte. 1990 errangen die Spieler des TVG ihre letzte deutsche Meisterschaft, in den Folgejahren waren sie nur noch Liga-Mittelmaß. Teams aus Essen, Wallau/Massenheim und Kiel überrundeten den Titelabonnenten aus Unterfranken. Die rasante Talfahrt begann vor fünf Jahren: 2013 stiegen die Großwallstädter in die zweite Handballbundesliga ab. Eine Zäsur nach 44 Jahren Zugehörigkeit in der ersten Bundesliga. Dann, 2015, keine Lizenz für Liga zwei. Die Vereinsbosse verzichteten darauf, das Schiedsgericht des Deutschen Handballbundes (DHB) anzurufen – Folge: Insolvenz und Neubeginn in der drittklassigen Regionalliga Ost.

Der Geschäftsführer und Bereichsleiter für Öffentlichkeitsarbeit des TVG, Walter Klug, schaut nicht so gerne auf die Zeit der sportlichen und wirtschaftlichen Misere zurück: »Hierzu kann ich im Detail gar nichts sagen. Wir haben seitdem ein neues Management und blicken nach vorne«, betont er gegenüber jW und verweist auf die Pressemitteilungen des Klubs. Der TVG rangiert nach langer Durststrecke mal wieder an der Spitze: Regionalligameister Ost. Bereits fünf Spiele vor Saisonschluss war den Großwallstädtern der Titel und damit der Aufstieg in die zweiten Bundesliga nicht mehr zu nehmen. Nach einem souveränen Durchmarsch sah es anfangs allerdings nicht aus. Vier Spieltage und nur zwei Siege. Zuwenig für den ambitionierten Vereinsvorstand. Hofmann sprang in die Bresche. Neben seinem Posten als sportlicher Leiter übernahm er im Oktober 2017 auch das Traineramt.

»Die Fans haben zunächst überrascht und verwundert auf die Kündigung von Trainer Heiko Karrer reagiert, da zwischen ihm und den Fans ein gutes Verhältnis bestand«, sagt Reinhard Simon vom TVG-Fanklub Herzschlag Blau-Weiß e. V. gegenüber jW. Unter Hofmann gab die Mannschaft in den 26 weiteren Ligaspielen nur noch sieben Zähler ab. Das Ergebnis überzeugte auch die skeptischen Fans – nur die Niederlage mit 26:31 zum Saisonabschluss am 5. Mai bei der HSG Hanau ist ein kleiner Schönheitsfehler. Und was macht Hofmann? Seine Mission sei mit dem Zweitligaaufstieg erfüllt, heißt es in einer TVG-Mitteilung vom 30. April. Sportlicher Leiter bleibe er aber. »Man darf natürlich träumen und sich wünschen, dass der TVG wieder an die glorreichen Zeiten anknüpfen kann«, äußerst sich Simon vorsichtig. Und falls es zum Start eine Klasse höher nicht rund laufen sollte, gibt es ja immer noch Manfred Hofmann.


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