Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 15 / Medien

Unheilige Allianz

Die Axel Springer SE hat ein neues Aufsichtsratsmitglied: Alexander Karp, Mitgründer des von der CIA finanzierten Big-Data-Unternehmens Palantir

Von Peter Schaber
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Datenabgreifer sind nicht hip: Palantir-Chef und Axel-Springer-Aufsichtsrat Alexander Karp in Sun Valley 2015

Als sich Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer SE (Aktiengesellschaft europäischen Rechts) während der Hauptversammlung des Medienkonzerns am 18. April an seine Aktionäre wandte, konnte er nicht nur auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurückblicken. Er betonte auch, dass der Verlag, der unter anderem Bild und Die Welt herausgibt, sich im Umbau befinde. Schon jetzt sei man, so der Manager und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, »unübersehbar ein digitales Unternehmen«. Ein Großteil des Gewinns werde schon jetzt nicht mehr im Printbereich erwirtschaftet. Springer stehe, das versicherte Döpfner, für einen »fairen und transparenten Umgang mit Nutzerdaten«. Garantieren soll das unter anderem ein neues Aufsichtsratsmitglied: Alexander Karp. Und diese Personalie hat es in sich.

Optisch kaum anders als die zahllosen Yuppies der Berliner Startup-Szene – Wuselhaar im Nerd-Look, so lässig wie teuer bekleidet, randlose Brille –, ist auch die Biografie des promovierten Philosophen zunächst nicht untypisch für die Milchkaffee-Schickeria der Hauptstadt: Studiert hat der 1967 geborene US-Amerikaner Karp noch bei Habermas, abgeschlossen mit irgendeinem unlesbar langweiligen Quatsch zu »Aggression in der Lebenswelt«. Dann redete der Sohn eines Princeton-Professors und einer Fotografin eine Zeit lang sozialkritisch daher, um am Ende in der »Wirtschaft« zu reüssieren. So weit, so fad.

Was Karp aber von den meisten anderen Vertretern dieser Spezies unterscheidet, ist der Umfang seines Vermögens – und die Art und Weise, wie er es angehäuft hat. Denn der – nach Eigenauskunft – »ehemalige Neokommunist« führt zusammen mit dem Trump-Financier und Hedge-Fonds-Manager Peter Thiel die US-Firma Palantir. Die wiederum arbeitet vorrangig im Bereich der »nationalen Sicherheit«, also für Geheimdienste.

Was Palantir genau macht, und vor allem wie, darum ranken sich Mythen. So soll die Firma etwa bei der Lokalisierung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden eine Rolle gespielt haben. Klar ist: Bei den Produkten des Tech-Unternehmens geht es um »Big Data«, also die Auswertung riesiger Datenmengen. Die von Karps Konzern zur Verfügung gestellte Software soll es unter anderem ermöglichen, große Informationsmengen aus sozialen Netzwerken zu überwachen.

Geburtshelfer CIA

Bereits das Startkapital des Unternehmens kam vom CIA-Investmentfonds In-Q-Tel. Neben der Agency selbst zählen das FBI, Polizeibehörden sowie die US-Streitkräfte, Pharmakonzerne und Banken zu den Kunden Palantirs. Dessen Software bringt Ordnung in eine Unmenge von überwachten Telefonaten, Bewegungsdaten, E-Mails, Browserhistorien, Kontodokumenten und erstellt aus dem Informationschaos handhabbare Grafiken. Unter dem Titel »Palantir weiß alles über dich« fassten die Autoren Peter Waldman, Lizette Chapman, und Jordan Robertson für den Mediendienst Bloomberg im April 2018 das Geschäftsmodell des CIA-finanzierten Milliardenbetriebs zusammen: Die Firma »nutzt Instrumente aus dem Krieg gegen den Terror, um US-Bürger zu bespitzeln«. Nicht nur US-Bürger wäre hinzuzufügen. Palantir arbeitet global, auch deutsche Behörden wie der Bundesnachrichtendienst greifen auf die Spionagesoftware zurück. Wofür die Abnehmer aus der Sicherheitsbranche die Tools aus dem Hause Palantir einsetzen, ist klar: Sie wollen »Feinde« identifizieren, lokalisieren – und bisweilen liquidieren.

Alexander Karp, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit bemüht ist, wie ein »liberaler« Datenschützer zu klingen, und sein Kompagnon, der erklärte Antidemokrat Thiel, betonen, dass die Arbeit von Palantir sich an den Bürgerrechten orientiere, mit der willkürlichen Bespitzelung unbescholtener Bürger habe man nichts zu tun. Mit der Wirklichkeit haben diese Lippenbekenntnisse nichts zu tun. Mit dem US-Geheimdienst NSA kooperierte Palantir im Zusammenhang mit dem Massenüberwachungsprogramm XKEYSCORE, wie die Onlineplattform The Intercept im Februar 2017 enthüllte. Und auch im jüngsten Datenskandal rund um die britische Cambridge Analytica (CA), die sich »unerlaubt« Zugang zu den Daten von Facebook-Nutzern verschafft hatte, taucht Palantir – trotz Dementi aus der Konzernführung – auf. Christopher Wylie, ein ehemaliger Mitarbeiter von CA, bestätigte vor einem britischen Parlamentsausschuss, dass Palantir Zugang zu den Daten hatte.

Berufung kein Zufall

Dass der Axel-Springer-Konzern Karp nun in den Aufsichtsrat holte, ist zum einen Ausdruck der dezidiert »transatlantischen« Linie des Milliardenkonzerns. Die »Solidarität« mit den Vereinigten Staaten ist in den Unternehmensgrundsätzen verankert. Unternehmenschef und Multilobbyist Döpfner ist u. a. Mitglied der Atlantikbrücke, einer prominent besetzten Organisation, die sich den Ausbau der deutsch-US-amerikanischen Beziehungen zum Ziel gemacht hat, und Mitglied im Global Board of Advisors des äußerst einflussreichen US-amerikanischen Thinktanks Council on Foreign Relations. Zum anderen aber weist die Personalie auch auf die Absichten der Axel Springer SE hin, Big Data als Geschäftsfeld auszubauen. Was das für die Datensicherheit der Nutzer bedeutet, kann man sich angesichts der Reputation Karps ausmalen.


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