Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Barock der Schrotflinte

Zum Tod von Tom Wolfe

Wie hätte das Feuilleton ihn auch nicht lieben können? War doch schon seine äußere Erscheinung die einer Romanfigur: die vanillefarbenen Anzügen, die Seidenkrawatten, die schwarzweißen Schuhe waren Tom Wolfes Markenzeichen, so erkannten ihn selbst »Simpsons«-Zuschauer bei einem Gastauftritt, die nie einen Satz von ihm gelesen hatten. Dabei schrieb er ein mindestens ebenso eigenwilliges wie phantastisches Englisch, das der Essayist Joseph Epstein einmal als »Shotgun baroque, sometimes edging over into machine-gun rococo« (»Schrotflinten-Barock, der manchmal zu Maschinengewehr-Rokoko tendiert«) beschrieb. Auf die Höhen des Ruhms führte ihn sein geradezu obszön gut verkauftes Romandebüt »Fegefeuer der Eitelkeiten« (The Bonfire of the Vanities), ein satirisches Sittengemälde der 80er Jahre, das ihm Vergleiche mit Balzac und Zola einbrachte. Doch bekannt wurde er als Journalist.

In den 60ern schrieb er über Stock-Car-Rennen und »Counter culture«, begleitete den LSD-Schriftsteller Ken Kesey und dessen Merry-Pranksters-Jünger auf dem Höhepunkt der Hippiewelle. Gegen die journalistischen Genre-Gesetzte zu verstoßen war dabei Programm. Wolfe wollte »über das Leben berichten, wo es ist«, schrieb radikal subjektiv. Als er einmal die Deadline für eine Reportage über Autobastler riss, schrieb er seinem Redakteur Byron Dobell einen langen Brief, in dem er wild assoziierend alles ausführte, was ihm zu dem Thema unter den Nägeln brannte. Dobell strich die Anrede und druckte den Text ohne weitere Änderung. Zur selben Zeit nahmen sich Reporter wie Hunter S. Thompson und Gay Talese ähnliche Freiheiten, mit ihnen begründete er den »New journalism« – einen der vielen Begriffe, die Wolfe prägte.

Dabei wäre es beinahe ganz anders gekommen. 1930 in der einstigen Rebellenhauptstadt Richmond, Virginia, als Sohn eines Professors geboren, interessierte sich Wolfe zwar früh für Literatur, zeigte aber auch als Baseballspieler Talent. 1951 absolvierte er ein Probetraining bei den New York Giants, wurde aber nicht genommen. So promovierte er in Yale über einen kommunistischen Schriftstellerverband, berichtete 1961 für die The Washington Post über Kuba und entwickelte bei der New Yorker Herald Tribune seinen exzentrischen Stil der Sozialreportage. Vier vielgepriesene Romane sowie unzählige Reportagen und Essays später war der konservative Geek am Ende seines Lebens der unumstrittene Liebling der US-Kulturschickeria, die er so lange genüsslich provoziert hatte. Am Montag ist Tom Wolf im Alter von 88 in New York gestorben. (pm)

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton