Aus: Ausgabe vom 17.05.2018, Seite 8 / Ausland

»Die Isolationshaft hat meinen Bruder mitgenommen«

Seit Mitte April ist der Kölner Soziologe und Publizist Adil Demirci in Istanbul inhaftiert. Ein Gespräch mit Tamer Karatekin

Interview: Kevin Hoffmann
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Seit mehr als vier Wochen sitzt Adil Demirci in der Türkei in Untersuchungshaft. Was bedeutete die Verhaftung für Sie und Ihre Familie? Was wissen Sie über die Situation Ihres Bruders?

In den letzten Jahren hat die türkische Regierung zahlreiche kritische Journalisten inhaftiert, um diese mundtot zu machen und jeglichen Fortschritt zu unterbinden. Auch wenn wir tagtäglich dieses Vorgehen der türkischen Regierung beobachten, so war es dennoch ein riesiger Schock für uns alle, als mein Bruder verhaftet wurde.

Diese Verhaftung war eine immense Doppelbelastung für uns, da der Zweck seiner Reise in die Türkei die Begleitung meiner an Krebs erkrankten Mutter war. Diese Reise sollte als Kur und Erholung für meine Mutter dienen, war aber dann eine abscheuliche Erfahrung. Mittlerweile haben wir den ersten Schock überwunden und versuchen unseren Unmut in Energie zu verwandeln, um nach vorne zu blicken und für die Freilassung meines Bruders zu kämpfen.

Adil befindet sich zur Zeit im Hochsicherheitsgefängnis Silivri in der Nähe von Istanbul. Die erste Woche war er in Isolationshaft, die ihn sichtlich mitgenommen hat. Gegenwärtig teilt er sich mit einem weiteren Journalisten der Nachrichtenagentur Etkin eine Zelle. Da es sich um ein Hochsicherheitsgefängnis handelt und nach wie vor die Notstandsgesetze in Kraft sind, gibt es verschiedene Restriktionen und Einschränkungen. So verfügen sie gerade wenig Mittel, um ihren Alltag zu gestalten.

Haben Sie eine Möglichkeit, Kontakt mit Herrn Demirci zu halten?

Wir haben momentan keinen direkten Kontakt zu meinem Bruder. Für uns gibt es nur wenige Wege, Informationen über Adil zu erlangen. Eine konsularische Betreuung wurde nach zwei Wochen gewährt, über sie konnten wir Adil einige Nachrichten zukommen lassen. Natürlich wird der Kontakt zu ihm auch über die Anwältin aufrechterhalten, die ihn regelmäßig besucht. Außer diesen beiden Möglichkeiten gibt es nur noch den Briefverkehr.

Gibt es mittlerweile eine Anklageschrift gegen Ihren Bruder und einen ersten Prozesstermin?

Wie schon bei anderen Fällen wie z. B. Deniz Yücel, Mesale Tolu oder Peter Steudtner lautet auch bei Adil der Vorwurf auf »Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung« und »Terrorpropaganda«. Dafür verweist man auf seine Teilnahme an verschiedenen Beerdigungen von Menschen, die in Rojava gegen den »Islamischen Staat« gekämpft haben und dabei getötet wurden. Aber das ist konstruiert. Adil hat von diesen Beerdigungen für die Nachrichtenagentur Etkin berichtet. Wie auch schon bei den oben genannten Personen wird sich vermutlich auch bei Adil das Prozedere in die Länge ziehen. Bis jetzt gibt es keinen Prozesstermin.

Was erwarten Sie von den deutschen Behörden?

Die Bundesregierung darf die Inhaftierungen von deutschen Journalisten in der Türkei nicht hinnehmen. Wir fordern die Bundesregierung und das Auswärtige Amt auf, Adil Demircis willkürliche Gefangenschaft zu verurteilen und umgehend seine Ausreise nach Deutschland zu erwirken. Adil Demirci ist eine weitere Geisel wie auch schon zuvor Deniz Yücel.

Wie kann man die Forderung nach Adil Demircis Freilassung unterstützen?

Die Verhaftung von Adil Demirci ist der Versuch, die Pressefreiheit zu kriminalisieren und die Freiheit der Meinungsäußerung einzugrenzen. Das geht uns alle an. Deshalb braucht Adil unsere Unterstützung. Hierfür haben wir einen Solidaritätskreis »Freiheit für Adil« gegründet und eine Kampagne für seine Freilassung und die aller inhaftierten Journalisten in der Türkei begonnen. Wir werden jeden Mittwoch ab 18 Uhr auf dem Wallrafplatz in Köln eine Mahnwache abhalten, bis Adil befreit ist. Zusätzlich haben wir eine Onlinepetition gestartet. Wir wollten am 13. Juni 2018, zwei Monate nach Inhaftierung von Adil, diese Unterschriftensammlung an das Auswärtige Amt überreichen.

Tamer Karatekin ist der Bruder des deutsch-türkischen Journalisten und Soziologen Adil Demirci

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