Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 16 / Sport

Das Ding mit der Liebe

Von André Dahlmeyer
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Feier Stern 67: Boca Juniors’ Ramon Abila (l.) und der Apache ohne Eigenschaften, Carlos Tevez

Einen wunderschönen guten Morgen! Das vergangene Wochenende war so eines, das man am liebsten ganz rasch vergessen möchte. Der HSV ist mit Pauken und Trompeten abgestiegen, und Independiente machte am letzten Spieltag der argentinischen Superliga den Nomadensportstudio-Supergau perfekt, indem es noch die Qualifikation für die kommende Copa Libertadores verspielte. In Santa Fe, der Hauptstadt der gleichnamigen Agrarprovinz im Herzen Silberlands, hätte ein Sieg bei Unión die Roten Teufel für den wichtigsten kontinentalen Vereinswettbewerb qualifiziert, doch die Unioner spielten nicht mit, liehen sich bei ihren Barrabravas lustige Nilpferdpeitschen aus und kloppten uns damit die Hintern striemig. Hässlich! So hatten wir nicht gewettet.

Wie zu befürchten war, verteidigten die Boca Juniors ihren Titel. Im Nachholspiel unter der Woche bei Gimnasia y Esgrima in La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, waren die Xeneizes 2:2 mit einem blauen Auge davongekommen. Der Punkt reichte zum Titelgewinn. Für Boca war es, wenn man alle Trophäen zusammenrechnet (und das machen die), bereits der 67. Stern. Da kein Auswärtspublikum zugelassen war, wurde die Meisterfeier kurzerhand ins eigene Stadion Bombonera (Pralinenschachtel) verlegt. 55.000 Zuschauer dürfen dort legal rein, aber es waren locker 80.000. Carlos Alberto Tévez, der in den letzten Spielen des alten neuen Meisters wie ein Mann ohne Eigenschaften über die Rasenrechtecke schwebte (er hatte sich beim Golfen in den Sierras von Córdoba eine Oberschenkelzerrung zugezogen), war der einzige, der in einem unbeachteten Moment ein Mikrofon an sich riss und den Massen erklärte: »Danke für so viel! Pardon für so wenig!« Tévez’ kryptische Ansage erntete weder Pfiffe noch Applaus, schon weil sich die Leute nicht entscheiden konnten. Seit dem kurzen China-Törn des Apachen – laut eigenen Angaben hatte er dort sieben Monate Urlaub – hat er seinen Überfliegerstatus bei Boca verloren. Viele Fans nehmen ihm das Abenteuer krumm. Tévez hatte sich damals von seinen Anhängern nur per Videobotschaft verabschiedet. Da ist ganz offenbar eine große Liebe zerbrochen.

Vor den Wochenendspielen griff Independientes Trainer Holan die Institution Boca Juniors an, weil die Xeneizes wie erwartet mit einer B-Elf beim »Globo« Huracán antraten, dem direkten Widersacher der Teufel um Platz vier. Holan roch Wettbewerbsverzerrung. Boca lag auch rasch hinten, wurde dann aber wie von der Tarantel gestochen piepswach und lag zur Pause im »Duco« bereits wieder mit 1:3 vorne. Die B-Elf spielte deutlich besser als zuletzt die A-Elf. Nach knapp einer Stunde nahm Huracáns Trainer Gustavo Alfaro Klublegende Daniel »Rolfi« Montenegro vom Platz, der nun auch schon bald Vierzig ist und das letzte Match seiner Karriere bestritt. Tosender Applaus für den Mann, der 2002 Independiente zum letzten Mal zu einem Meistertitel verholfen hatte. Danach drehte Huracán noch einmal auf, und am Ende stand es nach einem Mordsspiel 3:3. Da Independiente den Matchball nicht nutzen konnte, qualifizierte sich der Globo für die Libertadores. Eigentlich war dessen Saisonziel gewesen, den Klassenerhalt zu sichern. Das war nun nebenbei also auch noch gelungen.


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