Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 16 / Sport

Der letzte Pass

Andrés Iniesta verlässt den FC Barcelona. Sein Name steht für eine Epoche des schönen Fußballs

Von Rouven Ahl
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Manchmal macht’s der Meister selbst: Andrés Iniesta gegen Villarreal (9. Mai)

Was dem Spitzenfußball verlorengeht, wenn Andrés Iniesta diesen Sonntag sein letztes Pflichtspiel für den FC Barcelona bestreitet, lässt sich leicht ermessen. Man muss nur seinen Namen beim Videoportal Youtube eingeben. Dort wird einem eine Vielzahl von Highlight–Zusammenschnitten vorgeschlagen. Kein Wunder, gehört der kleine Mittelfeldspieler doch zu den besten Fußballern seiner Generation. Das Spiel des FC Barcelona prägt der heute 34jährige seit mittlerweile fast 16 Jahren. Die Videos tragen Titel wie »The Magician« – der Magier.

Sein Debüt in der ersten Mannschaft gab er bereits im Alter von 18. Davor durchlief er die Ausbildung in Barças legendärer Jugendakademie La Masia. Dass Iniesta gar kein Katalane ist, er wurde in der 1.800-Seelen-Gemeinde Fuentealbilla in der Region Kastilien-La Mancha geboren, geriet im Laufe der Jahre immer mehr in Vergessenheit. Sich Iniesta in einem anderen Trikot als dem des FC Barcelona vorzustellen fällt daher schwer. Doch nach Ende der laufenden Saison wird er seinen Verein nach insgesamt 22 Jahren verlassen. Nach Carles Puyol und Xavi Hernández verliert Barça damit das nächste Eigengewächs, welches die erfolgreichste Ära der Katalanen zwischen 2006 bis 2012 mitgestaltete.

Mit Xavi bildete der Spanier ein Duo, an dessen Genialität nur wenige davor und danach heranreichen. Sie waren die perfekten Mitspieler, da beide lieber andere in Szene setzten, statt selbst aufzutrumpfen. Daher beeindrucken an den Highlight-Kompilationen weniger die Tore, als die kleinen, unscheinbaren Dinge. Dinge, die den Spieler Iniesta einzigartig machen. Oft zeigen die Videos Spielszenen, bei denen er auf engstem Raum, unter maximaler Bedrängnis angespielt wird – und trotzdem eine Lösung findet. Es ist vielleicht die größte Stärke Iniestas: Egal wie widrig die Bedingungen sind, er ist immer anspielbar. Eine für einen Fußballer gar nicht hoch genug zu bewertende Qualität. Natürlich hilft ihm dabei, dass er über einen der besten ersten Kontakte im Weltfußball verfügt: Iniesta kann sich noch während der Ballannahme richtig positionieren und sofort den Mitspieler bedienen. Sein Fußball–IQ sprengt dabei jeden Rahmen.

Natürlich hat Iniesta während seiner Zeit bei Barça auch Tore geschossen. 57 Treffer erzielte er in 673 Einsätzen für die Katalanen. Direkte Vorlagen gab er aber fast dreimal so viele (142), die Pässe vor dem entscheidenden Pass gar nicht mit eingerechnet. 31 Titel – darunter vier Titel in der Champions League – hat Iniesta mit den Blaugrana geholt. Kein Spieler in der langen Klubhistorie kommt auf mehr. Mit Spanien holte er 2010 den Weltmeistertitel. Im Finale gegen die Niederlande erzielte er den entscheidenden Treffer und wurde zum Spieler des Spiels gewählt. 2008 und 2012 triumphierte er mit der Furia Roja bei der Europameisterschaft. Dass er nie zum Weltfußballer gewählt wurde, zeigt, wie wertlos diese Auszeichnung mittlerweile ist.

Trotz seiner Erfolge gilt Iniesta, dessen immer lichter werdendes Haar im Kontrast zu seinem kindlichen Gesicht steht, als der Inbegriff der Bescheidenheit. Fußball war ihm zu jeder Zeit das wichtigste Anliegen. Privat betreibt er gemeinsam mit seiner Familie in seiner Heimatgemeinde ein Weingut. Skandale finden sich in seiner Vita keine. Zu welchem Verein Iniesta nach der Saison wechseln wird, ist noch nicht bekannt. China galt lange als sein Ziel, zuletzt Japan. Klar ist jedoch, dass er Europa verlassen wird. Er möchte zu keinem Verein wechseln, der auf Barça treffen könnte.

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