Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ideologie

Von Niklas Sandschnee
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Irgendwas stimmt da nicht, hat sich doch die SPD unter Gerhard Schröder mit der »Agenda 2010« als antisoziale Partei entpuppt. Aber so ist das mit der Ideologie

Der Begriff »Ideologie« bezeichnet seit seiner Entstehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz unterschiedliche Dinge. Drei Verwendungsweisen lassen sich grob unterscheiden: eine alltagssprachliche, eine szientistische und eine marxistische. Die alltagssprachliche erkennt man daran, dass »Ideologie« als Vorwurf vorgebracht wird, der bedeuten soll, das Gegenüber sei verbohrt, ignorant und vor allem nicht »realistisch«. Ideologie ist dann, wie der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton einmal süffisant bemerkte, wie Mundgeruch, etwas, das grundsätzlich nur die anderen haben. Die szientistische Verwendungsweise, wie sie unter anderen der Soziologe Karl Mannheim vertreten hat, behauptet, Ideologie sei völlig unhintergehbar und omnipräsent: Wir alle nehmen die Welt durch unsere eigenen zwei Augen wahr und verarbeiten sie, und diese grundlegende Perspektivität jedes Weltverhältnisses bedeutet, dass wir alle immer ideologisch sind. (Diese Verwendungsweise ist etwas aus der Mode gekommen, aber andere Begriffe wie der allgegenwärtige »Diskurs« werden heute in ziemlich genau demselben Sinn verwendet und sind aus den Sozial- und Geisteswissenschaften kaum noch wegzudenken).

Diese beiden Verwendungsweisen können als falsche Lesarten der grundlegenden Definition von Karl Marx aufgefasst werden. Denn dass Ideologie »notwendig falsches Bewusstsein« ist, ist nicht so zu verstehen, dass alles Ideologische notwendig falsch wäre, wie es die alltagssprachliche Verwendung nahelegt. Genausowenig bedeutet es, dass Bewusstsein überhaupt immer »falsch« wäre (ein Gedanke, in dem sich vor allem die Machtlosigkeit derjenigen spiegelt, die sich gar nicht mehr zutrauen, recht zu haben). Eine politisch und analytisch sinnvolle Verwendung des Begriffes versteht Marx’ Definition dagegen dialektisch: Ideologie ist insofern notwendig, als sie falsch ist. Weil Menschen praktisch in der wirklichen Welt zurechtkommen und diese dabei vernünftig verstehen wollen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie das tun, aber selbst oft alles andere als vernünftig sind, kommt dabei heraus, dass sie sich ein vernünftiges Bild einer unvernünftigen Realität machen. Da eine Klassengesellschaft vor allem denen naturwüchsig als vernünftig erscheint, die darin das Sagen haben, und da diese sich außerdem auch am besten Gehör verschaffen können, hat dieser Prozess des Zurechtinterpretierens einer unvernünftigen Gesellschaft auch einen Klassencharakter – die herrschenden Ideen sind in diesem Sinne vor allem die Ideen der Herrschenden. Das funktioniert um so besser, je mehr diese Ideen Elemente der Wirklichkeit auf eine Art und Weise in Beziehung setzen, die sie zugleich als vernünftig legitimiert und dennoch erlaubt, praktisch mit ihnen umzugehen. Anders als die alltagssprachliche Verwendungsweise suggeriert, ist es also so, dass Ideologie gerade dann besonders wirksam ist, wenn sie lautlos operiert, wenn sich ihre Vertreter also gerade für besonders »realistisch« halten.

Auch deswegen drängt sich gerade bei denen, die am lautesten »Vorsicht, Ideologie!« schreien, oft der Verdacht auf, sie monierten den Splitter im Auge eines anderen und sähen dabei den Balken im eigenen Auge nicht. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Die reaktionären und antifeministischen Kritiker der »Genderideologie« mögen ja immer wieder Anhaltspunkte dafür finden, dass bei ihren politischen Gegnern der Wunsch oft der Vater des Gedankens ist. Gegenüber dieser Banalität ist die tatsächliche ideologiekritische Erkenntnis allerdings, dass ihre besessene Suche nach Belegen dafür auch von einem Wunsch getrieben ist – nämlich dem, dass bloß niemandem auffallen möge, dass die patriarchale Ungleichheit der Geschlechter, in der sie sich so wohlig eingerichtet haben, viel unvernünftiger ist als die wildesten Theorien darüber, wie sie zu beseitigen wäre.


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