Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 12 / Thema

Ausbruch aus der Enge

Paris im Mai 1968. Vor 50 Jahren revoltierten Studenten und Arbeiter gegen das spätgaullistische Frankreich

Von Bernard Schmid
France_EU_May_1968_57181932.jpg
La beauté est dans la rue. Studentenproteste am 3. Mai 1968 in Paris

Im Frühjahr 1988 stand das Gedenken im Zeichen der Selbstbeweihräucherung: Zwanzig Jahre nach dem berühmten französischen Mai ’68 hatten die einstigen Protagonisten – wie der »grün«-neoliberale Europaparlamentsabgeordnete Daniel Cohn-Bendit oder der spätere sozialdemokratische Senator Henri Weber – noch nicht den Zenit ihrer Karriere überschritten. Auf vielen Kanälen schwelgten sie in Erinnerungen aus ihrer Heldenzeit. Der dreißigste Jahrestag war von Deutungskonflikten und von Richtungsstreit innerhalb des im weitesten Sinne linken Lagers geprägt: Im Mai 1998 klatschten Anarchosyndikalisten der Kleingewerkschaft CNT Cohn-Bendit auf dem Universitätsgelände von Nanterre eine Torte ins Gesicht. Der Parti socialiste, die Grünen und die französische KP befanden sich zu diesem Zeitpunkt an der Regierung, als Premierminister amtierte Lionel Jospin. Im Mai 2008, unter der Präsidentschaft Nicolas Sarkozys, war zum Thema wenig zu vernehmen.

Musealisierung und Protest

Und zum fünfzigsten Jahrestag? Es gibt mehrere Tendenzen. Da ist zum einen die Musealisierung. Spannende Ereignisse seien das im Frühjahr 1968 gewesen. Aber gesellschaftliche Sprengkraft besaßen sie nicht, schon gar nicht für heute. Haben sie irgendeine Relevanz für das aktuelle Verständnis der sozialen und politischen Ordnung in Frankreich? Emmanuel Macron – er ist der erste französische Präsident, der 1968 noch nicht geboren war – regte im vergangenen Oktober an, man könne des Ereignisses ganz offiziell gedenken, mit Feiern und Veranstaltungen. Fehlte bloß noch das Feuerwerk. Die Rechtsopposition unter dem konservativen Wadenbeißer Laurent Wauquiez trug es Macron zwar nach und schwadronierte davon, da wolle einer subversive Ideen hoffähig machen. Aber politisch geschadet hat dies dem Präsidenten und seinen Plänen nicht. Tatsächlich richtet im Augenblick nicht nur das Pariser Stadtmuseum, sondern auch die Pariser Polizeipräfektur eigene Gedenkveranstaltungen aus. Der Titel der letzteren: »Der Mai 1968 von der anderen Seiten der Barrikade aus betrachtet«. Also von dort, wo die Leute mit den Knüppeln standen.

Eine zweite Tendenz ist seit Beginn des Jahres in der intellektuellen Linken erkennbar: In einer Serie von Veranstaltungen wurden bis dato verkannte Aspekte des gesellschaftlichen Aufbruchs im Frühjahr 1968 vorgestellt. Eine Veranstaltungsreihe etwa hatte »1968 aus der Sicht des Südens« zum Gegenstand. Hierbei ging es um die Frage, welchen Widerhall die Ereignisse im französischsprachigen Afrika, im Maghreb oder in den noch immer von Frankreich kolonisierten Territorien fanden. So war es in der senegalesischen Hauptstadt Dakar in der zweiten Maihälfte 1968 zu Geschehnissen gekommen, die denen von Paris durchaus ähnlich waren: Studierendenproteste, ein Streik von Lohnarbeitern, eine handfeste Regimekrise.

Eine dritte und letzte aktuelle Entwicklung ließe sich als Wiederaneignung bezeichnen. Dies machte sich etwa am 7. Mai bemerkbar, als eine Reihe von »Ehemaligen« – die einst im französischen Mai 1968 mächtig links waren, inzwischen aber längst zu Renegaten geworden sind – im Odéon-Theater an »damals« erinnern wollte. »Damals« war das Odéon wochenlang besetzt und diente als Forum für zahlreiche Debatten über Utopie und Strategie. Die schöne Feier wurde den Veteranen allerdings vermasselt, als junge Aktivistinnen und Aktivisten sie zum Schauplatz ihres aktuellen Protests machten, der sich gegen die Universitätsreform vom 8. März richtet.

Alle Mystifizierungen und Retrospektiven beiseite gelassen – was war »wirklich« los in jenem Frühjahr 1968 in Frankreich? Zu Anfang nicht viel. Vielmehr begann es langweilig. Jedenfalls wenn man der Pariser Zeitung Le Monde Glauben schenkt. Diese titelte am 26. Januar: »Quand la France s’ennuie« (Wenn Frankreich sich langweilt). Einige Monate später sah das anders aus: Im Mai werden im Pariser Quartier Latin Autos zu Barrikaden geschichtet. Die altehrwürdig-verknöcherte Sorbonne wird wochenlang Schauplatz wild entbrannter Besetzerdebatten sein. Ihre Mauern sind über und über mit Wandzeitungen behängt – wie im China der Kulturrevolution, die zwei Jahre zuvor ausgerufen worden war.

Im Juni 1968 schießen die Renault-Arbeiter von Flins ein paar Kilometer außerhalb der französischen Hauptstadt mit Bolzen auf die anrückende Polizei, um die Räumung des besetzten Werks zu verhindern. Auf seiten der Verteidiger ertrinkt ein Gymnasiast beim Sturm auf die Fabrik. Bei der nachfolgenden Demonstration im Zentrum von Paris verzeichnen die Chronisten 400 Verletzte, 1.500 Festnahmen und die Errichtung von 72 Barrikaden. Im jurassischen Montbéliard fallen Schüsse rund um die Peugeot-Werke. Ereignisreiche vier Wochen nehmen ihr Ende. Danach allerdings folgt ein Nachspiel: ein halbes Jahrzehnt intensiver politischer und sozialer Kämpfe, von Streiks über den neuen Feminismus und die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen bis zur intensiven Politisierung afrikanischer Arbeitsmigranten und ihrem zwei Jahre währenden Mietstreik in ihren Arbeiterwohnheimen zu Anfang der 1970er Jahre.

Wo viel Licht, da ist auch Schatten: Im Sommer 1968 versuchen aufgeheizte junge Aktivisten in der Normandie unweit von Flins unter Berufung auf die Résistance der 1940er Jahre sowie auf maoistische Guerillakonzepte eine ländliche Untergrundbewegung in einem Waldgebiet zu bilden. Unter den Bedingungen des Frankreichs der späten 1960er Jahre wirkt das reichlich skurril. Nicht bloß skurril daran ist, dass diese Truppe in jenem Sommer einen der ihren als angeblichen Polizeispitzel »entlarven«, vor ein selbstorganisiertes Femegericht stellen – und erschießen wird. Ihren harten Kern bilden unter anderem die »Katangais«. So hieß eine Splittergruppe, die seitens der Revoltierenden zunächst als Ansammlung schräger Gestalten wahrgenommen wurde und sich während des Mai 1968 in der besetzten Sorbonne verschanzt hatte. Ein Teil von ihr waren frühere Söldner aus den Kriegen in Katanga im Osten der belgischen Exkolonie Kongo zwischen 1960 und 1965, die nicht ins Zivilleben zurückgefunden hatten. Die Massenbewegung hatte sie angezogen, weil sie auf der Suche nach Kampf und Dynamik waren.

Es begann in Nanterre

Ihren Ausgang nahmen die Ereignisse – noch während Le Monde an verbreitete Langeweile in Frankreich glaubte – in Nanterre und Antony, zwei Trabantenstädten in der Pariser Banlieue, in denen in den 1960er Jahren Wohnheime für Studierende errichtet worden waren. In Nanterre liegen sie in unmittelbarer Nachbarschaft zur dortigen Universität, die zur gleichen Zeit aus dem Boden gestampft worden war. Bis heute befindet sie sich eingekeilt zwischen Plattenbauten, zwei Schnellbahnlinien und einer Autobahn. Die Gebäude sind funktional und rational entworfen – freilich abweisend und kommunikationsfeindlich, zumal an soziale Einrichtungen des Studentenlebens wie Cafés und Buchläden nicht gedacht worden war. Die Wohnheime für Studentinnen und Studenten sind, obwohl räumlich benachbart, strikt voneinander getrennt: Besuche im jeweils anderen Teil sind verboten. Der Staat, der die Oberaufsicht über die Hausordnung hat, regelt das Wohnheimleben bis in kleine Details hinein.

Hier begannen die ersten widerständigen Handlungen: Am 21. März 1967 dringen männliche Studenten – Mitglieder einer Selbstorganisation der Wohnheiminsassen – spät am Abend in das Studentinnenwohnheim ein. Sie werden dort die Nacht verbringen, um drei Uhr früh werden wüste politische Kommuniqués verlesen. Die herbeigerufene Polizei umlagert am nächsten Vormittag das Wohnheim, wird jedoch ihrerseits von immer zahlreicher werdenden Studierenden umringt.

Von diesem Zeitpunkt an hat sich ein harter Kern herausgeschält, der an der Universität von Nanterre aktiv bleiben wird. Am 8. Januar 1968 besucht der französische Sport- und Jugendminister François Missoffe den Campus, um das – heute noch in seiner Mitte liegende – Hallenbad einzuweihen. Frech stellt ihn dort ein Student mit feuerrotem Haarschopf zur Rede, ein gewisser Daniel Cohn-Bendit, Mitglied einer kleinen Anarchogruppe. Auf 300 Seiten seines kurz davor veröffentlichten Buches, bemängelt der respektlose Vorsprecher, habe Missoffe kein einziges Mal »die sexuellen Probleme der Jugend« erörtert. Die Antwort des Ministers wird Furore machen: »Mit Ihrem Gesicht hätte ich auch derartige Probleme, nutzen Sie das Schwimmbad lieber nicht.« Zu dieser Geschichte gibt es übrigens die Anekdote, dass die Tochter Missoffes kurz darauf Cohn-Bendits Geliebte wurde. Es handelt sich um Françoise de Panafieu, die zu Anfang dieses Jahrhunderts vorübergehend konservative Spitzenpolitikerin war und für das Pariser Rathaus kandidierte.

Geburt einer Bewegung

Ab jetzt wird Nanterre nicht mehr zur Ruhe kommen. Ein geschlagenes Jahr später, am 21. März 1968, wird ein Student aus Nanterre bei einer außeruniversitären Aktivität festgenommen: 200 meist jugendliche Demonstranten hatten die Pariser Filiale von American Express »entglast« und an deren Wände Parolen zur Unterstützung der vietnamesischen Befreiungsbewegung FNL gemalt. Gut eine Woche zuvor hatte die bis dahin größte US-Militäroffensive im umkämpften Vietnam begonnen. In jenen Tagen explodierten in Paris mehrere Plastikbomben vor den Niederlassungen US-amerikanischer Banken und Fluggesellschaften. Als unmittelbare Reaktion auf die Verhaftung besetzen rund 150 Studenten am Abend das zentrale Verwaltungsgebäude in Nanterre.

In jener Nacht wird die »Bewegung des 22. März« geboren. Verschiedene, bisher verfeindete Gruppen – mal eher anarchistisch, mal trotzkistisch, mal maoistisch orientiert – schließen sich darin zusammen. Die Universitätsverwaltung von Nanterre wird im April zeitweise die Tore schließen und ab dem 2. Mai für den gesamten weiteren Verlauf der Ereignisse, derer sie nicht mehr Herr werden kann, den Betrieb einstellen.

Von nun an breitet sich die Bewegung fast automatisch aus. Aus Protest gegen die polizeiliche Repression auf dem geschlossenen Campus begibt sich eine studentische Delegation am 3. Mai in den Innenhof der Sorbonne im historischen Zentrum von Paris. Beide Universitäten unterstehen zu jener Zeit noch einer gemeinsamen Oberverwaltung, jener des Rektors der Sorbonne. Konkreter Anlass ist die Vorladung von acht Studierenden aus Nanterre vor den Disziplinarrat der Universität, der an der Sorbonne ansässig ist. Dazu aufgerufen, jedoch kaum mobilisiert hatte die Studierendengewerkschaft UNEF, in der es eine KP-nahe Mehrheit und einen linksradikalen Minderheitsflügel gibt. Nur rund 300 Studierende kommen zusammen. Unter ihnen die künftigen Wortführer der »Bewegung«: Daniel Cohn-Bendit, Alain Krivine, Daniel Bensaïd und Henri Weber.

Als sie die Nachricht erreicht, die rechtsextreme Schlägerorganisation Occident rücke an, rüsten sich die Versammelten mit Helmen und Stangen aus, doch die Kohorte der Schläger wird unterwegs von der Polizei gestoppt. Der Rektor verfällt in Panik, lässt die Hörsäle schließen und die Polizisten in den Innenhof der Sorbonne eindringen. Nachdem die Demonstranten bereits freien Abzug ausgehandelt hatten, verhaftet die Polizei auf der Straße Hunderte von Protestierern, um auf der Wache ihre Personalien aufzunehmen.

Breite Solidarisierung

Angesichts des als brutale Machtdemonstration erscheinenden Einsatzes kommt es zur spontanen Solidarisierung unter den übrigen Studierenden. Junge Frauen stürzen sich auf Polizisten, die ersten Steine fliegen. Die Studenten weichen zurück ins Quartier Latin, wo das Tränengas der Polizei auch unbeteiligte Anwohner und Passanten trifft. Bei Schlagstockeinsätzen werden Cafétische abgeräumt und Gäste verletzt, Bewohner des Viertels versuchen in ihr Haus zu gelangen oder die Verhaftung ihrer Kinder zu verhindern. Die spontane Solidarität erzeugt die explosive Mischung, die sich in den kommenden Tagen entladen wird. Das Quartier Latin erlebt seine ersten Barrikadennächte. Die Beteiligten bedienen sich dabei in zunächst spielerischer Form der historischen Requisiten der früheren Revolutionen und Revolten, die ihre materielle Funktion eingebüßt haben, aber ihren festen Platz im kollektiven Gedächtnis einnehmen. Denn »militärisch« haben die Barrikaden im Mai 1968 keinen Sinn: Die aufständische Jugend hat es nicht mit berittenen Truppen zu tun, und die Polizisten umgehen die Barrikaden entweder einfach zu Fuß oder beseitigen sie mit Hilfe von Räumpanzern. Und trotzdem verschaffen sie den Beteiligten deren eigene Symbolik.

Die polizeiliche Repression wird ihrerseits zum Auslöser einer weit über das studentische Milieu hinausreichenden gesellschaftlichen Solidarisierung. Die Gewerkschaften CGT und CFDT ergreifen die Initiative und rufen für den 13. Mai, einen Montag, zu einem Generalstreik aus Solidarität für die studentischen Opfer der Repression auf. Zugleich wird damit ein explizit politisches Datum gewählt: Es handelt sich um den zehnten Jahrestag des Militärputschs im französisch besetzten Algerien, in dessen Folge General Charles de Gaulle 1958 von Algier aus die Macht in der niedergehenden Vierten Republik ergriff. Die autoritäre Präsidialrepublik der Cinquième République wurde durch diesen Akt ins Leben gerufen.

Zehntausende – Studierende, Jugendliche, aber auch Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder – demonstrieren an jenem 13. Mai zusammen in Paris. Doch der eintägige Generalstreik wird zum Auslöser für einen Prozess, der den Gewerkschaftsführungen alsbald über den Kopf wächst. Am folgenden Tag beginnen die ersten Betriebsbesetzungen. Die Arbeiter des Flugzeugbauers Sud-Aviation in der Nähe von Nantes, »roter Betrieb« und alte anarchosyndikalistische Hochburg, machen den Anfang. Am 15. Mai streiken die Renault-Arbeiter in Cléon, und am 16. Mai greift die Streik- und Besetzungswelle auf die anderen Standorte des Autobauers über. Die Initiative geht oftmals von jungen, gewerkschaftlich nicht organisierten Arbeitern aus, denen das Akkordsystem und die damit verbundene Fabrikdisziplin zum Hals heraushängen. Aber sie wird vom organisierten, erfahrenen Teil der Arbeiterklasse aufgenommen.

Die Apparate der etablierten Linksparteien und der mit ihnen verbundenen Gewerkschaften werden in den kommenden vier Wochen ihre Mühe und Not haben, ihre Stellung als »berufene Vertreter« zu behaupten. Und die CGT, damals mit Abstand stärkster Gewerkschaftsdachverband, handelt am 27. Mai das »Abkommen von Grenelle« mit Regierung und »Arbeitgebern« aus, um dem Ausstand in den Fabriken ein Ende zu setzen. Als Eingangsforderung bei Eröffnung der Verhandlungen verlangt die CGT die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns um 30 Prozent. Doch prompt bietet der Unternehmerverband, der damalige CNPF, seinerseits 35 Prozent an, die dann auch tatsächlich vereinbart werden. Die Kapitalvertreter interessiert nämlich zu dem Zeitpunkt nur eines: Die blöden Streiks und Betriebsbesetzungen sollen endlich aufhören. Die CGT soll für Ordnung sorgen. Über das zu erzielende Abkommen hatten sich Gewerkschaft und Regierung dank Vermittlung durch den jungen Staatssekretär im Sozialministerium – einen gewissen Jacques Chirac – vorab bereits im geheimen abgesprochen. Die Parteien können sich daher relativ rasch einigen.

Doch CGT-Generalsekretär Georges Séguy muss am nächsten Tag in der gewerkschaftlichen Hochburg Boulogne-Billancourt, am Hauptsitz von Renault, feststellen, dass das ausgesprochen unpopulär ist. Eigentlich war er gekommen, um zur Wiederaufnahme der Arbeit aufzufordern. Angesichts der stürmischen Atmosphäre wird er jedoch inmitten seiner Rede das Gegenteil erklären. Die wichtigsten Großbetriebe wie Renault in Flins werden erst Mitte Juni von der Polizei geräumt werden. Die Arbeiter des Automobilherstellers nehmen ab dem 18. Juni wieder die Arbeit auf. Auf dem Höhepunkt des Ausstands hatten rund acht Millionen Arbeiter gestreikt.

Bigott, frömmlerisch und keusch

Tatsächlich war der eingangs beschworene »langweilige« Charakter des spätgaullistischen Frankreichs nur eine gefällige Oberfläche, unter der es brodelte. Der Spätgaullismus an der Macht, das bedeutet Mitte der 1960er Jahre: eine schwer erträgliche Mischung aus technisch-funktionaler, zweckrationaler Modernität und stickiger, beklemmender gesellschaftlicher Enge. Das gilt vor allem auf der Ebene der Familienstrukturen. Bis 1965 durfte eine verheiratete Frau in Frankreich nicht einmal ein Bankkonto ohne Einwilligung ihres Ehemanns eröffnen. Verhütungsmittel waren seit 1919 – der Zeit der Chambre bleu-horizon, der ultrareaktionären und nationalistischen Mehrheit der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – gesetzlich verboten. Erst im Dezember 1967 wurde das Verbot mit der Loi Neuwirth gelockert. Beschämenderweise wurden die dafür notwendigen Ausführungsdekrete durch die Regierung zum Teil noch bis 1972 hinausgezögert. Im Privatleben sollten die Franzosen sich so verhalten wie »Tante Yvonne«, die Ehefrau von Präsident Charles de Gaulle: bigott, frömmlerisch und keusch.

Zugleich katapultierte Frankreich sich seit Mitte der 1950er Jahre in großen Schritten voran in die technische Moderne: Eine nachholende Industrialisierung des Landes, das bis dahin nur wenige industrielle Zentren rund um einige Großstädte gekannt hatte, sorgte für zweistellige Wachstumsraten pro Jahr. Ganze Städte wurden am Reißbrett geplant, mit strikter funktionaler Trennung in Arbeits-, Schlaf- und Einkaufsviertel. So entstanden die Villes nouvelles am äußeren Rand des Ballungsraums Paris oder Vitrolles bei Marseille. Für die Hauptstadt war Ende der 1960er Jahre sogar geplant, den Canal Saint-Martin – die grüne Ader im Pariser Osten – komplett zuzubauen und unter einer Stadtautobahn verschwinden zu lassen. Doch als es in den frühen 1970er Jahren soweit war, das Vorhaben umzusetzen, wollten die Anwohner davon nichts wissen.

Gesellschaftliche Konflikte schienen so im Rahmen einer entpolitisierten Technokratenrationalität gelöst oder zumindest verbannt. Unter der Oberfläche freilich blieb der Klassenkonflikt virulent, zumal die gesellschaftlichen Unterschiede sich trotz der rasanten Entwicklung nicht verkleinert hatten, sondern durch die lange Phase »sozialen Friedens« seit den frühen 1960er Jahren sogar stark gewachsen waren.

Aufbruch und Reaktion

Nicht zuletzt bleibt ein weiterer wichtiger Faktor zu erwähnen: die Präsenz einer Generation junger Juden und Jüdinnen, die durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Schicksal ihrer Familien unter dem Holocaust geprägt worden war. Nie wieder, meinten diese jungen Intellektuellen und Aktivisten, würden politische oder gesellschaftliche Indifferenz und Teilnahmslosigkeit möglich sein – vor allem wenn es gegen den Faschismus gehe, den sie wie andere Angehörige ihrer Generation oftmals in verschiedenen Gegnern ihrer Zeit verkörpert sahen, wie etwa den Verantwortlichen für die US-Politik in Vietnam. Dieser spezifische Zugang zu politischem Engagement hat dem Pariser Mai 1968 einige seiner wichtigsten Köpfe beschert: Alain Krivine (der selbst als Zweijähriger knapp der Deportation entrann), Daniel Cohn-Bendit, Alain Geismar, Daniel Bensaïd oder auch Bernard Kouchner. Manche von ihnen sind noch heute führende Köpfe (Krivine) der radikalen Linken in Frankreich oder als ihre Theoretiker geschätzt – auch wenn andere im neoliberalen Fahrwasser (Cohn-Bendit) oder auf dem rechten Flügel der Sozialdemokratie und bei der Befürwortung westlicher Kriege (Kouchner) gelandet sind. Ein israelischer Autor namens Yaïr Auron hat ihnen 1998 eine hochspannende Studie gewidmet: »Les Juifs d'extrême gauche en Mai 68« (Die Juden der radikalen Linken im Mai 68), Untertitel auf deutsch: »Eine Generation, die durch die Schoah geprägt wurde«.

Ferner hatte die internationale Aufbruchsstimmung, die mit dem Entkolonialisierungsprozess und dem ihn anfänglich begleitenden emanzipatorischen Überschuss (der über die real stattfindenden Staatsgründungsprozesse hinauswies) einherging, erheblichen Einfluss auf die damaligen Ereignisse. So lag der Algerien-Krieg noch nicht lange zurück. Auch nach Lateinamerika waren viele Augen gerichtet. Eine Schlüsselrolle aber spielte der Vietnamkrieg.

Und was ist vom Mai 1968 geblieben? Auf der Ebene der gesellschaftlichen Moral, der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten hat die Schockwelle des Mai-Bebens in den darauffolgenden Jahren vieles aufgebrochen. Die frühen 1970er Jahre sahen unter einer konservativen Regierung, deren Basis sich dagegen sträubte, eine Reihe echter Reformen als Spätfolgen des »Mai soixante-huit«: die Herabsetzung der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre (1974), die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen durch die Loi Veil (1974) oder die Lockerung der bis dahin extrem erschwerten und nur bei nachgewiesener »Schuld« eines Partners überhaupt möglichen Ehescheidung (1975). Im Dezember 1974 wurde die Krankenkassenfinanzierung der Antibabypille eingeführt, auch für Minderjährige ohne Erfordernis der Genehmigung durch die Eltern. Hingegen ist die Veränderung des ökonomischen Systems, die für viele aktiv am Mai Beteiligten wie selbstverständlich damit hätte einhergehen sollen, bekanntlich ausgeblieben. Vielmehr hat das kapitalistische Gefüge es geschafft, den durch 1968 ausgelösten Schub an Individualisierung und Flexibilisierung zu integrieren und sich selbst zunutze zu machen – durch Auflösung kollektiver Garantien oder bessere Ausnutzung intellektueller Ressourcen.

Bernard Schmid ist freier Autor und lebt in Paris. Auf diesen Seiten schrieb er zuletzt am 18. Dezember 2017 über »Gewandelte Abhängigkeiten«: Frankreich und das System der Françafrique


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio: