Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Jonischkan, Krex, Andersen

Von Jegor Jublimov

Als 20jähriger Schauspielstudent wurde Horst Jonischkan von Wolfgang Luderer für das Fernsehspiel »Golden Boy« (1958) entdeckt. Anderthalb Jahrzehnte lang konnte er in der Öffentlichkeit agieren, bevor er mit nur 41 Jahren nach langer Krankheit starb. Er spielte in Gegenwartsfilmen (»Das zweite Gleis«, 1962), Krimis (»Der Ermordete greift ein«, 1961), Kinder- und Märchenfilmen (»Kaule«, 1967). Unvergesslich bleibt bleibt er als Fritz Weineck in »Das Lied vom Trompeter« (1964) nach der Erzählung von Otto Gotsche. Der Jungkommunist war 1925 bei einer Kundgebung mit Ernst Thälmann, der bei der Reichspräsidentenwahl für die KPD kandidiert hatte, in Halle von der Polizei hinterrücks erschossen worden. Horst Jonischkans Geburtstag jährt sich am Sonnabend zum 80. Mal.

Am Montag konnte Brigitte Krex ihren 80. feiern. Die Schnittmeisterin (heute sagt man »Editorin«) war an rund drei Dutzend DEFA-Produktionen beteiligt, darunter einige der besten Filme von Herrmann Zschoche, Bernhard Stephan und Siegfried Kühn. Dessen »Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow« (1972/73) wurde auch durch die Arbeit von »Krexy«, die schwarzweiße und farbige Sequenzen in einen ästhetischen Einklang brachte, zum Meisterwerk.

Zum 50. Geburtstag des Videothekars und Undergroundfilmers Carl Andersen boten zwei Berliner Programmkinos eine Gesamtschau des Unikums. Nun, zum gestrigen 60. des »Wohnstubensexopathen« (wie er sich in der Jungen Welt mal selbst bezeichnete) ist nichts dergleichen angekündigt. Schade, denn inzwischen ist Andersens Lebenswerk abgeschlossen. Der gebürtige Wiener starb 2012 in Berlin. Er kam Ende der 80er Jahre nach Westberlin und hatte Glück, dass sich ihm nach dem Mauerfall ein noch größeres Betätigungsfeld bot. Er leitete ein kleines Kino in der Leipziger Straße, wo er auch seinen ersten Film »Vampyros Sexos« zeigte, auf den es unterschiedliche Reaktionen gab. Die einen waren fasziniert von der unbekümmerten Unfertigkeit, in der halb ernst, halb parodistisch Spielarten der Sexualität ausgelotet wurden. Andere hielten das Ganze für dilettantischen Schweinkram. In mehr als einem Dutzend weiterer Filme blieb er bei seinem Lebensthema Sex und Filmemachen.

Eine enge und turbulente Künstlerfreundschaft verband ihn mit dem Westberliner Undergroundfilmer Lothar Lambert. Beide spielten in Filmen des anderen mit. Andersen besetzte Lamberts Protagonisten wie Ulrike S. oder Dorothea Holloway, schuf sich aber auch eine eigene Filmfamilie, zu der die Polin Malga Kubiak oder der Österreicher Erwin Leder gehörten. Ihnen und vielen Zuschauern fehlt der nervtötende Chaot. Aber die Filme haben ihn überlebt.


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