Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Horde und Revier

Das Tier, das wir sind: »Rampage« und »Isle of Dogs« im Kino

Von Peer Schmitt
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»Schätze des Abfalls« (»Isle of Dogs«)

»What is a dog.«

Gertrude Stein, »How to Write« (1932)

Was sehen wir, wenn das Tier, das wir sehen, uns zeigt, was wir uns in seinem Fall so alles eingebildet haben? Einen Abgrund. Und was bleibt danach noch übrig? Ein Revier. Der Abgrund ist das, was wir sehen. Das Revier bestimmt, was wir tun (oder vielmehr tunlichst zu unterlassen haben).

Eine Kunde vom Revier liefert der Film »Rampage« des Katastrophenfilmemachers (»San Andreas«, 2015) Brad Peyton. Zu Beginn zeigt dessen Lieblingsdarsteller Dwayne Johnson als Primatenforscher und letzter Humanist seinen Freunden sowie einer zufällig auch noch anwesenden schwedischen Blondine (Malin Akerman), wie man beim Betreten eines Gorillawildgeheges den Frieden von Horde und Revier bewahrt. Anschließend geht es mal wieder drunter und drüber. Es gibt Laborratten, die eine Weltraumstation in die Luft sprengen (in die Luft, genau) und Helikopter, die auf der Fassade eines stürzenden Hochhauses hinabgleiten wie auf der Schlittenbahn. Es gibt Gentechnologie-Kapitalisten mit I-Pads, die sich private Söldnerarmeen mit Wolfsblut in den Adern leisten, Zoologen im Safari-Look von Jean-Jacques Rousseau, Geheimagenten im schwarzen Anzug mit Colt vor der mächtigen Gürtelschnalle. Es gibt einen Albino-Gorilla, ein Riesenkrokodil und einen Wolf mit Flughäuten, der Hubschrauber frisst. Es gibt auch sonst allerhand Militärgerät. Militärische Nutzung ist schließlich Zweck aller Forschung.

Irgendwie ist ein fatales Wachstumshormon zusammen mit anderen Dopingmitteln und Weltraumstationstrümmern vom Himmel gefallen. Die Tiere wachsen, gedeihen (mutieren) und marschieren zielstrebig auf die Stadt Chicago zu. Das Radiosignal der Kapitalisten ruft sie dorthin. Es wird Schutt und Asche geben. Da führt kein Weg dran vorbei.

In den 50ern und 60ern machte man Filme mit sehr großen Tieren, die kamen aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs, aus den Wüsten und dem Ozean der Wasserstoffbombe. In den 70ern machte man allerhand Filme mit den Aufstand probenden Tieren, die aus den Sümpfen der Umweltverschmutzung gekrochen kamen. Jetzt kommen die Tiere aus den Weltraumlaboren der Gentechniker und aus den Schutzgehegen der Verhaltensforscher.

Dwayne Johnson versucht verzweifelt, den Quadratschädeln vom Militär den Ernst der Lage zu vermitteln: »Herr Oberst, was es hier dringlich zu verstehen gilt, ist die Tatsache, dass wir es nicht mehr länger mit einem Gorilla und einem Krokodil zu tun haben.« (Gorilla und Krokodil würden in sogenannter Wildbahn nicht gemeinsam Hochhausfassaden erklimmen, ihre Revierrivalität würde dies verhindern, soweit die Wissenschaft).

Was wir sehen, sind keine Tiere mehr. Das ist nur ein schlechter Scherz aus dem Abgrund (der Abstellkammer) unserer Vorstellungskraft. »Rampage« ist die Verfilmung eines gleichnamigen Videospiels aus dem Jahre 1986. Und das sah gefährlicher aus als Gentechnik.

Wes Anderson würde wohl nicht so weit herunterkommen, ein altes Videospiel verfilmen zu wollen, obwohl einer der Helden seines neuen Films »Isle of Dogs« ja Atari heißt, Atari Kobayashi, ein würdiger Nachfolger jenes legendären »kleinen Samurai«, der ehedem im Feldzug eines verbrecherischen Clans gegen das Volk der Hunde die Seite der letzteren wählte, nicht ohne ein Sinngedicht zu dieser Entscheidung zu verfassen: »Von der Menschheit wende ich mich ab«.

Mit der gewählten Stop-Motion-Animationstechnik demonstriert Anderson, dass er mit der gegenwärtigen wirren Computerspiel-Filmrealität wenig zu tun haben will. Er zieht die altmodische Anmutung von Kontrolle und »japanischer« Lakonie offensichtlich vor. Die Tiere seines Animationsfilms – hauptsächlich Hunde, aber auch eine unvermeidliche Eule – sind noch sehr der literarischen Fabel verpflichtet. Das war bereits in seinem »Fantastic Mr. Fox« von 2009 nicht anders. Eine Reihe ontologischer und ethischer Fragen stellte sich da. »Warum bin ich ein Fuchs und kein gerupfter Adler, wie kann man als Fuchs glücklich sein, ohne ein Hühnchen zwischen den Beißern?« Die vorläufige Antwort: »Man versteht kein Wort von dem, was Sie da sagen, aber es klingt illegal.«

Die Frage, wessen Aufenthalt an welchem Ort illegal ist, und wie gebührlich es sein mag, diese Fragestellung unter Umständen kritisch zu hinterfragen, gehört zum Kern der Fabel in »Isle of Dogs«. Aus der Stadt Megasaki wird in Folge einer in mythologische Epochen zurückreichenden politischen Fehde/Verschwörung das Hundevolk verbannt und schließlich auf einer Insel mit riesiger Mülldeponie interniert, wo es – neben den philosophischen Fragen des Tages – auch den einen oder anderen Revierkampf auszutragen hat.

Die Stadt Megasaki selbst scheint wiederum vornehmlich aus einer Art Agora zu bestehen, wo permanente Aktionärsversammlungen, Wahlkämpfe und Propagandaschlachten ihren Lauf nehmen. Einsatz sind die Schätze des Abfalls. In diesem Film/dieser Stadt gibt es noch den Reichtum der Einbildungskraft (der Mülldeponie), Schönheit, Würde und den dazugehörigen albernen Kram.

Nach den Regeln der Wissenschaft schlagen sich die Hunde tapfer und werden rehabilitiert. Die Stufen zum Tempelschrein, wo die tapferen Hunde nach dem Fressen ihr verdientes Nickerchen halten, sind vom Tau so weiß wie die ewigen Kirschblüten. Noch geht die Sonne auf über Megasaki.

»Rampage«, Regie: Brad Peyton, USA 2018, 115 min, »Isle of Dogs – Ataris Reise«, Regie: Wes Anderson, USA 2018, 102 min, beide bereits angelaufen


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