Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Nur eine Konjunkturdelle

Kleines Plus, aber mäßiger Jahresauftakt der BRD-Wirtschaft und der Euro-Zone

Von Dieter Schubert
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Nachfragemarkt Bau: Der Boom macht Leistungen und Objekte immer teurer aber auch traditionellen sozialen Wohnungsbau unmöglich

Die deutsche Wirtschaftsleistung hat zum Jahresbeginn zugelegt. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen Januar und März 2018 um 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden in einer ersten Schätzung mitteilte. Zum 15. Mal in Folge sei damit das BIP gestiegen. Dies markiere »die längste Aufschwungphase seit 1991«, so die amtlichen Erbsenzähler. Am selben Tag gab es auch aus dem Euro-Raum Konjunkturnachrichten. Das EU-Statistikamt Eurostat meldete einen Zuwachs von 0,4 Prozent im ersten Quartal in den 19 Mitgliedsländern.

Hauptsache ein Plus? Beide Ergebnisse signalisieren aber auch, dass der Aufschwung auf schwachen Beinen steht. Im Vergleich zum vierten Quartal 2017 halbierte sich das Wachstumstempo in Deutschland, zuvor war es immerhin um 0,6 Prozent aufwärts gegangen, im dritten Vierteljahr 2017 sogar um 0,7 Prozent. Und im Währungsraum die gleiche Tendenz: In beiden Vorquartalen war hier das BIP um jeweils 0,7 Prozent gestiegen.

Ist das noch »Hochkonjunktur«, wie zuletzt nach den Jahreszahlen für 2017 von Medien und »Volkswirten« gefeiert? Kaum. Und das hat noch nicht einmal mit dem drohenden globalen Handelskonflikt zu tun, der dank einseitiger Aufkündigung des Iran-Deals durch die US-Regierung richtig Fahrt aufzunehmen scheint. Auch die seit langem schwelende Bankenkrise in vielen EU-Staaten ist noch nicht BIP-wirksam geworden. Das könnte sich schnell ändern.

In Italien will die neue Regierung – so sie zustande kommt – die Maastricht-Kriterien unbeachtet lassen und mehr Schulden aufnehmen. Die eigentlich nicht erlaubte Staatsfinanzierung durch die Europäische Zentralbank, ohnehin ein akutes Problem, dürfte wegen der zunehmend steigenden US-Leitzinsen wohl bald auf ihre tatsächliche Belastbarkeit getestet werden – mit möglichen schwerwiegenden Folgen für das Weltfinanzsystem und die Wirtschaft.

Doch noch scheint alles gut. Die Konsumlust der deutschen Verbraucher sei ungebrochen. Unternehmen investierten kräftig in Maschinen und andere Ausrüstung, so die Statistiker. Außerdem werde fröhlich weiter auf Betongold gesetzt – die Errichtung teurer Wohnungen, Häuser und Gewerbeimmobilien hat die Preise rasant nach oben getrieben, und der daraus resultierende Bauboom sorgt nominell für steigendes BIP. Nur die Frage, wie in diesem überhitzten Umfeld bezahlbarer Wohnraum errichtet werden kann, dämpft regelmäßig die Euphorie. Zusammen mit den Folgen der Sanktionitis von Trump und Co., dem Ende des billigen Notenbankengeldes außerhalb der EU und der akuten Kriegsgefahr in Nahost sind das keine guten Konjunkturaussichten. (Quellen: dpa/Reuters)


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