Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 8 / Ansichten

Wachsame des Tages: Polnische Polizei

Von Reinhard Lauterbach
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Die polnische Polizei bei der Arbeit am 29. April 2004 in Warschau

Es stimmt schon: Polen steckt voller »totalitärer Praktiken«. Jeden Sonntag zum Beispiel versammeln sich Millionen von Bürgern zu Unterwerfungsritualen gegenüber einem Wesen, das von sich behauptet, es sei »der Herr, dein Gott«, und zudem droht, es sei ein »eifersüchtiger Gott« und lasse sich nicht gefallen, wenn die Leute außer ihm noch sonstwen oder -was anbeten. Ein lehrbuchmäßiges Beispiel für angewandten Totalitarismus.

Aber wie der Klassiker wusste, stellt sich jede Gesellschaft nur Aufgaben, die sie lösen kann. Aus diesem Grund lässt die Staatsanwaltschaft Szczecin auch die Finger von diesen Veranstaltungen, deren schiere Anzahl die Kapazität jedes Ermittlungsapparats überfordern würde.

Sie suchte statt dessen eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema »Marx: 2018« heim. In einem Erholungsobjekt der örtlichen Universität hatten »sieben Professoren« und diverses akademisches Fußvolk Themen aus dem großen Katalog »Marx und« gewälzt: etwa Marx und die weibliche Führungskraft, Marx und Uber, Marx und die Steuern. Jedenfalls taten sie das, bis zwei Polizisten in Uniform und einer in Zivil erschienen und die Empfangsdame befragten, ob hier totalitäre Praktiken stattfänden. Die versicherte, es handle sich um ein anständiges Haus, holte aber für alle Fälle den Veranstalter, den Philosophieprofessor Jerzy Kochan. Dessen Personalien wurden aufgenommen, ebenso die Titel der ausliegenden Bücher. Obwohl sie »sogar für die amerikanische Kongressbibliothek angeschafft« worden seien, wie Kochan später klagte.

Ja glauben Sie denn, Polizisten könnten bibliographieren, Herr Professor? Und keine fünf Sekunden der inhaltlichen Vorträge hätten die Hüter des Staatswohls angehört. Als wäre das ihre Aufgabe. Und als bräuchte der bürgerliche Staat ein Argument, um Marx sogar dann auf den Index zu setzen, wenn er postmodern verhunzt wird. Ein Gespenst geht um in Europa. Immer noch.


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