Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 7 / Ausland

Ein Konsul und Neonazi

Ukrainisches Außenministerium suspendiert Funktionär nach antisemitischer Hetze im Internet

Von Wladimir Sergijenko
RTSSBFF.jpg
Aufmarsch ukrainischer Neofaschisten am 14. Oktober 2016 in Kiew

Rot-schwarz der Grund, darauf ein blauer Kreis mit einem links gedrehten Hakenkreuz. Das seien seine Vorstellungen von einem neuen Staat namens Aria, postete Wassyl Maruschtschinez am 23. Februar 2014 auf seinem nur Freunden zugängigen Facebook-Account. An jenem Tag fand in Kiew ein Staatsstreich statt, die »freiheitliche Ära« des prowestlichen Staatschefs Petro Poroschenko brach an. Rot und Schwarz sind die Farben des »Rechten Sektors«, Geld und Blau die Nationalfarben der Ukraine.

Maruschtschinez ist nicht irgendwer, sondern war bislang Konsul der Ukraine in Hamburg, also ein offiziell bestellter Beamter des Außenministeriums in Kiew. Und er machte auch in der Folgezeit keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung. »Es lebe die Ukraine! Tod den Antifaschisten!«, teilte er am 21. August 2015 mit. Der Massenmord an Juden 1941 in Babi Jar habe nie stattgefunden, auch nicht der Holocaust insgesamt. Polen und Ungarn, Zigeuner und Juden seien der Ukraine Unglück. Ein Beitrag war überschrieben mit »Ukraine – Wiege der weißen Rasse, Ukrainer – arisches Volk«. Einer seiner Facebook-Freunde kommentierte das: »Oh, wir sind keine Slawen mehr, sondern Arier. Ob Hitler davon gewusst hat, als er uns für Untermenschen hielt?«

Als Maruschtschinez im Februar 2016 seinen 60. Geburtstag feierte, schenkte man ihm eine braune Torte in der Form eines Buches. Mit weißem Zuckerguß war darauf geschrieben: »Mein Kampf«. Das Präsent schien dem Jubilar so zu gefallen, dass er davon gleich zwei Fotos auf sein Facebook-Profil stellte.

Zwischen solchen Bildern und antisemitischen Auslassungen, rassistischen Hetzkommentaren und fremdenfeindlichen Sprüchen finden sich auch etliche Fotos aus Deutschland: Maruschtschinez an der Alster mit Frau oder solo, im Kreis von Kollegen oder in offizieller Mission unterwegs. Und dazwischen Kommentare wie »Ein Faschist zu sein, ist ehrenwert«. Rund 150 »Freunde« finden das toll und heben zustimmend den virtuellen Daumen.

Wer aber sind diese »Freunde«, die derlei krude Botschaften »liken«? Das hat nach langer Recherche ein ukrainischer Blogger aufgedeckt. Anatolij Sharij, einem aus seiner Heimat vertriebenen Journalisten, gelang es, von Maruschtschinez dessen exklusivem Freundeskreis hinzugefügt zu werden und so Zugang zu den Beiträgen zu bekommen. Seit dem vergangenen Wochenende sind seine spektakulären Enthüllungen auf Youtube zu sehen. Er nennt nicht nur die Namen von Maruschtschinez' Freunden, sondern auch deren Funktionen. Die meisten von ihnen sind Beamte des Kiewer Außenministeriums, ehemalige sowie aktive Diplomaten im Außendienst, darunter die ukrainische Botschafterin in Portugal, Inna Ogniwez.

Es handelt sich also nicht um den Fall eines einzelnen Antisemiten, der Fremdenhass und Naziideologie predigt, sondern – nimmt man die Zustimmung, die er im Kollegenkreis erfährt – um ein Problem der ukrainischen Regierung. Die Reaktion folgte prompt. Außenminister Pawlo Klimkin twitterte am Sonntag, Follower hätten ihm Nachrichten »über unseren Konsul in Hamburg« übermittelt. »Wir überprüfen das und melden bald das Ergebnis.« Bereits am Montag wurde der Konsul »wegen judenfeindlicher Äußerungen« vom Dienst suspendiert und ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. »Für Antisemiten und diejenigen, die internationalen Hass säen, kann es weder in einer zivilisierten Gesellschaft noch im Außenministerium einen Platz geben«, twitterte Klimkin.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland