Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 6 / Ausland

Marsch zum Checkpoint

Ramallah: Palästinenser protestieren gegen die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem

Von Freya Fraszcak, Ramallah
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»Von Generation zu Generation: keine Alternative zu Jerusalem und zum Recht auf Rückkehr«, Ramallah am 14. Mai 2018

Tausende Palästinenser versammelten sich am Montag auf den Straßen Ramallahs und marschierten vom Jassir-Arafat-Platz in Richtung Jerusalem. Sie reagierten damit auf die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem und die Anerkennung der palästinensischen Stadt als Hauptstadt Israels.

Vor den Toren Jerusalems liegt das dauerhafte Flüchtlingscamp Kalandia, hier befindet sich auch der wichtigste Checkpoint zum Westjordanland. Daneben zieht eine Mauer voll mit Graffiti eine Linie aus Beton zwischen dem Teil des Landes, in dem Palästinenser sich frei bewegen dürfen, und jenem, für den sie zum Betreten eine Sondergenehmigung brauchen. Viele meiner Freunde dürfen nur während des Ramadans in die Stadt, nach der sie sich so sehnen. Für sie ist besonders schmerzhaft, dass die US-Botschaft ihre Türen in Jerusalem einen Tag vor der Erinnerung an die »Nakba« geöffnet hat.

Während auf der israelischen Seite gefeiert wird, fordert die Stadt Ramallah, die inoffizielle Hauptstadt des Westjordanlandes, ihre Einwohner auf, einig und friedlich bis zum Checkpoint zu marschieren: »Von Generation zu Generation: keine Alternative zu Jerusalem und zum Recht auf Rückkehr«, so das Motto der zweitägigen Proteste am 14. und 15. Mai 2018. Auf Plakaten wird die Stadt als »ewige Hauptstadt Palästinas« bezeichnet.

Unter brennender Sonne, mit lauter Musik und Trompetenparaden führt der Marsch rein ins Kalandia-Camp, wo sich weitere Demonstranten anschließen. Zahlreiche Krankenwagen kommen uns entgegen, im Einsatz wegen der erwarteten Auseinandersetzungen zwischen israelischen Soldaten und hauptsächlich jungen palästinensischen Männern. Zu Beginn der Versammlung nahe des Checkpoints sind noch viele Familien, Kinder und Frauen zu sehen. Kinder mit Guy-Fawkes-Masken, bekannt geworden durch die Hacker von »Anonymous«, und Steinen in der Hand, Jugendliche mit »Right to Return«-Bannern und Steinschleudern, Erwachsene mit der palästinensischen Flagge: Alle wollen hier zeigen, dass sie mit der Besatzungsmacht und deren Regierung, die Menschenrechte ignoriert, nicht einverstanden sind.

Der Sound der Tränengasbomben wird zur Hintergrundmusik, und die Masse bewegt sich immer wieder zu den Soldaten hin und dann wieder weg. Die israelische Armee versucht zudem die Demonstration mit Teilmantel-, Splitter- und Gummigeschossen zu unterdrücken. Mehr als 100 Opfer gibt es durch das Einatmen von Tränengas, drei Verletzte mit Schädelhirntrauma und neun Angeschossene lautet die Bilanz für Montag.

Am frühen Abend bleiben nur noch wenige, vor allem männliche Protestierende und einige Journalisten zurück. Meine Freunde wollen noch einen letzten Angriff mit der Steinschleuder unternehmen. Rani, ein 8jähriger, ist einer der Jungen, die früh versuchen, die Furcht zu überwinden, von einer zur anderen Straßenseite zu rennen, obwohl israelische Soldaten auf ihn schießen könnten, und beginnen, sich mit Steinen gegen die israelische Besatzung zu wehren. Der israelische Staat wird das, sobald die Palästinenser alt genug sind, mit jahrelanger Haft bestrafen.

Nadir aus dem Kalandia-Camp hat Videokameras an seinem Haus aufgebaut. »Wegen der Soldaten und für unsere Sicherheit. Sie kommen manchmal vorbei, um uns Jungs in den Knast zu packen.« Vor eineinhalb Monaten brachen die Soldaten nachts bei seinen Freunden im Haus gegenüber ein und schlugen sie zusammen. »Wir schmeißen keine Steine, weil es uns Spaß macht. Steine sind das einzige, was wir hier haben, um ein Zeichen gegen die Ungerechtigkeit und Erniedrigung zu setzen, denen wir seit unserer Geburt ausgesetzt sind.«

Am Tag der Vertreibung bzw. dem Nakba-Tag werden große Proteste am Checkpoint in Bet-El erwartet. Der Abend soll mit einem Kerzenmarsch friedlich ausklingen, in der Hoffnung, irgendwann ins Heimatland zurückkehren zu können.


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