Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 5 / Inland

Straßenkinder ohne Lobby

Immer mehr Jugendliche obdachlos. Regierung fühlt sich nicht zuständig

Von Susan Bonath
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Schätzungen zufolge könnte die Zahl obdachloser Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik bis 2021 von jetzt 40.000 auf 100.000 steigen: Jugendliche ohne feste Wohnung in Hamburg

Zehntausende obdachlose Jugendliche leben auf deutschen Straßen. Und es werden, wie Hilfevereine zuletzt warnten, immer mehr. Neben Wohnungsmangel und explodierenden Mieten verweisen sie auf die seit Jahren unterfinanzierte Jugendhilfe. Das sieht man im Bundesfamilienministerium anders. Am Montag wies Sprecherin Susanne Gütte gegenüber jW die Vorwürfe zurück, der Staat lasse Straßenkinder im Stich.

Heimkinder sind besonders von Obdachlosigkeit bedroht. Sie werden häufig schon mit 16 Jahren in die »Selbständigkeit« geschickt. Mit dem 18. Geburtstag stellen die Jugendämter oft jede Hilfe ein. Denn dann würden Pflicht- zu Sollregelungen. Leistungen müssen die Jugendlichen dann selbst beantragen, erklärte der Sprecher der Stiftung »Off Road Kids«, Markus Seidel, am Montag gegenüber jW. Dies täten die wenigsten. »Jedes Jahr werden etwa 5.000 bis 10.000 Heimkinder in die Selbständigkeit geschickt, und man kann sagen«, so Seidel, »dass nahezu alle scheitern«. Die Jugendämter seien dafür aber nicht allein verantwortlich. »Sie stehen definitiv finanziell am Abgrund und handeln, regional sehr unterschiedlich, nach Kassenlage«, mahnte er und ergänzte: »Das scheint keinen zu interessieren, denn Straßenkinder haben keine Lobby«.

Jörg Richert vom Straßenkinderverein Karuna bestätigte gegenüber jW die Prognose. Das Hilfesystem sei darauf ausgelegt, dass sich betreute Jugendliche in Normen fügen. Regelmäßig setzten Heime sogar Minderjährige auf die Straße, wenn sie amtliche Auflagen nicht erfüllen. Dann, so Richert, »finden sie keine Wohnung, sind völlig überfordert und wissen nicht, wo und ob es überhaupt Hilfe gibt«. Die Missstände seien riesig. »Zuallererst bräuchten wir ein Wohnungsbauprogramm und betreute Projekte für Jugendliche«, sagte er. Allein in Berlin fehlten etwa 6.000 Wohnungen für Betroffene. Der größte Teil der Straßenjugendlichen bleibe unsichtbar, »weil sie hier und da mal unterkommen«.

Doch beim Staat betteln will Richert nicht mehr. »Wir haben so oft die politisch Verantwortlichen auf die Probleme aufmerksam gemacht«, resümierte er. Erst vor drei Monaten habe er das Familienministerium über die Verschlechterung der Lage informiert: »Aber sie wälzen alles auf die Kommunen ab, haben gar keine Ahnung, kein Bewusstsein, da herrscht totale Konzeptlosigkeit.« Viel zu lange schon kämpfe er in Berlin »gegen Windmühlen«, resümierte er und schlussfolgerte: »Das Ministerium kann man knicken.« So versuche sein Verein nun, selbst Bauprojekte auf die Beine zu stellen. Bisher sei dies an fehlender Vorfinanzierung gescheitert. Der Staat sei nicht mal bereit, Bürgschaften zu übernehmen, sagte Richert. Aktuell verhandele Karuna mit einem privaten Investor um längere Rückzahlungsfristen.

Auch die Deutsche Kinderhilfe ist besorgt. Die Jugendämter seien finanziell und strukturell am Ende, warnte die Organisation am Montag unter Verweis auf eine von ihr finanzierte Studie der Universität Koblenz (jW berichtete). Es gebe zu wenige Sozialarbeiter. Die vorhandenen seien mangelhaft ausgestattet, kümmerten sich um viel zu viele Fälle, von denen nicht wenige unter den Tisch fielen.

Die Sprecherin des Familienministeriums wies gegenüber jW die Verantwortung von sich. Die Kommunen seien allein zuständig, ihre Behörde habe lediglich eine »Anregungsfunktion«, so Gütte. »Da der örtliche Träger der kommunalen Jugendhilfe für junge Menschen mit Hilfebedarf zur Verfügung steht, liegt keine Grundrechtsverletzung vor«, erklärte sie außerdem. Zudem fördere das Ministerium hier und da einzelne Projekte, derzeit etwa eine statistische Erhebung. Zwar bekräftigte Gütte, die Regierung wolle die Jugendhilfe »weiterentwickeln« und »modernisieren« – wie, erklärte sie aber nicht. Jörg Richert hält die Eigeninitiative seines Vereins darum für den einzigen Ausweg: »Für weitere jahrelange Sinnlosdebatten haben wir keine Zeit.«

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