Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Einfluss reicht bis in den fernsten Winkel«

In Brasilien beherrschen die großen privaten Medien das Spiel. Allen voran der Gigant Globo. Gespräch mit Heloisa Braga

Von Peter Steiniger
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Wie würden Sie den Platz beschreiben, den die Globo-Gruppe in der Medienlandschaft Brasiliens einnimmt?

Zur Geschichte von Globo gehört, dass das Unternehmen Brasilien zusammenführte. Es vereinigte das Land von einem Ende bis zum anderen. Es brachte die Kommunikation an die entlegensten Orte. Die Brasilianer lernten von Globo das Küssen, durch dessen Telenovelas, von dessen Künstlern. Von Globo bezogen die Brasilianer ihre Vorstellungen über Liebe, ihren Geschmack für Mode.

Auch der Einfluss auf das politische Denken ist beträchtlich. Ohne Unterstützung durch die von 1964 bis 1985 andauernde Militärdiktatur wäre Globos Aufstieg doch nicht möglich gewesen?

Ja, das trifft auf diese Zeit zu. Durch die Verträge mit Embratel (von Marschall Humberto Castelo Branco, dem ersten Machthaber nach dem Putsch von 1964, gegründetes Telekommunikationsunternehmen zur Satellitenübertragung; d. Red.) und vieles mehr einte Globo Brasilien nach den Plänen des Militärregimes. Mit dem gigantischen Einfluss, den sie bis in den fernsten Winkel des Landes haben, formen die Globo-Medien überall das Denken mit. Das trifft nicht nur auf die Gebildeteren zu, sondern auch auf die weniger aufgeklärten Teile der Bevölkerung. Dieser Vorherrschaft ist man sich bei Globo absolut bewusst. Und benutzt sie, klar. Wie alle mächtigen Massenmedien hat Globo eigene Interessen. Der Konzern artikuliert sich politisch und arbeitet natürlich im Dienst der von ihm verfolgten Ideologie.

Wir würden Sie diese beschreiben? Wessen Sprachrohr ist Globo?

Sehen Sie, die Politik in Brasilien ist sehr unberechenbar. Wenn Sie mich heute fragen, wem Rede Globo dient, kann ich das gerade nicht klar beantworten. Es ist offenkundig, dass wir bei den Nachrichtensendungen des Netzwerks häufig das Gefühl haben, dass sie gegen Lula und gegen die Arbeiterpartei PT sind. An anderen Stellen werden diese Haltung, diese Meinung dort wiederum hinterfragt. Solche Dinge sind in Brasilien sehr sprunghaft, abhängig vom Ort und den Umständen. Globo ist eine riesige Gruppe von Unternehmen der Massenkommunikation. Wie bei allen solchen haben diese ihre eigenen ökonomischen Interessen, mit Durchschlagskraft. Diese Sache, für die wir Journalisten streiten, die Pressefreiheit, von der wir träumen, ist da sehr relativ, ja fast utopisch.

Bräuchte es nicht ein stärkeres Gegengewicht zu den privaten Medien der Oligarchen? So wie wir es aus Europa mit den Öffentlichen kennen?

Es gibt Globo im Besitz der Familie Marinho, es gibt SBT (Sistema Brasileiro de Televisão; die Red.), das der Familie von Silvio Santos gehört, wir haben Bandeirantes, seit Generationen von den Saads gesteuert. Es war diese Form, nach der die Sendelizenzen in Brasilien vergeben wurden. Fernsehen, Radio, Zeitungen befinden sich von Nord bis Süd in den Händen weniger mächtiger, traditioneller Familien. Unglücklicherweise. Ein freies Spiel fehlt. Doch ich glaube nicht, dass öffentliche Medien hier sehr unabhängig wären. Die es gibt, haben keine Durchsetzungskraft oder große Reichweite.

Welches sind die Lichtblicke im brasilianischen Medienbetrieb?

Wir haben in Brasilien exzellente Journalisten. Es gibt viele, die ihren Überzeugungen folgen, die sich an die ethischen Grundsätze dieser Arbeit halten. Sie stehen für einen klaren, sauberen und investigativen Journalismus, so wie er sein muss. So wie Sie und ich ihn während unserer akademischen Ausbildung vermittelt bekamen. Ich arbeite unabhängig und versuche, das tagtäglich in der Praxis umzusetzen. Doch alle starken Medien gehören Privaten. Dort ist es ein tagtäglicher Kampf um den sauberstmöglichen Journalismus. Doch es wird Druck ausgeübt. Da gibt es immer einen Herausgeber oder Chefredakteur, der befolgt, was der Boss des Unternehmens, für das er arbeitet, fordert.

Heloisa Braga ist Journalistin und arbeitet für den Sender Rádio Excelsior da Bahia. In ihrer Sendung beschäftigt sie sich mit regionaler Entwicklung und Tourismus in dem nordöstlichen Bundesstaat


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