Aus: Ausgabe vom 15.05.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Wieder alles gut bei Siemens?

Konzern verzichtet weitgehend auf Werksschließungen. Arbeitsplätze sollen trotzdem im großen Stil abgebaut werden

Von Stefan Thiel
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Was für Konzernchef Josef Käser überwiegt dürfte klar sein (Protestplakat vor dem Siemens-Werk in Leipzig, November 2017)

Ein Auf und Ab der Gefühle mussten die Beschäftigten der Siemens-Kraftwerkssparte in der vergangenen Woche durchleben. Erst kündigte der Konzern am Montag an, möglichst viele Werke der kriselnden Sparte nach Pfingsten für eine Woche zu schließen und die Mitarbeiter in den »Zwangsurlaub« zu schicken. Die Beschäftigten sollen Überstunden abbauen oder Urlaubstage nehmen. Am Dienstag dann die Bekanntgabe der am späten Vorabend erzielten Einigung der Unternehmensspitze mit dem Gesamtbetriebsrat und der IG Metall auf Eckpunkte für einen »Zukunftspakt«, der die im vorigen Herbst von Konzernchef Josef Käser angekündigten Standortschließungen nun weitgehend ausschließt.

Wie die IG Metall am selben Tag mitteilte, ist es ihr außerdem gelungen, mit dem Management den Erhalt der Radolfzeller Vereinbarung zur Standort- und Beschäftigungssicherung zu vereinbaren. Betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen sind bei Siemens somit weiter ausgeschlossen. Zudem sollen die Beschäftigten »proaktiv« auf die strukturellen Veränderungen in der Sparte vorbereiten werden. Siemens stelle hierfür einen »Zukunftsfonds« mit bis zu 100 Millionen Euro bereit, so die Gewerkschaft.

Also wieder alles gut bei Siemens? Hier lohnt der Blick auf die einzelnen Werke des Unternehmensbereichs »Power and Gas«. Wenn man bedenkt, dass Siemens das Dampfturbinenwerk im ostsächsischen Görlitz mit seinen rund 800 Beschäftigten ursprünglich komplett schließen wollte, hat sich der monatelange Widerstand von Belegschaft und IG Metall durchaus gelohnt. Der Standort soll nun nicht nur komplett erhalten bleiben, sondern nach Unternehmensangaben sogar ausgebaut werden. Siemens beabsichtigt dort sein weltweites Geschäft mit Industriedampfturbinen zu bündeln. Görlitz erscheint somit vorerst als der große Gewinner – zumindest auf den ersten Blick. Um Stellenabbau werde man aber auch dort nicht herumkommen, betonte Personalvorstand Janina Kugel bereits vergangenen Mittwoch gegenüber dem Handelsblatt. Auch bei der IG Metall Ostsachsen ist man sich trotz aller Freude über den erzielten Teilerfolg durchaus bewusst, dass der Kampf um den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze noch längst nicht gewonnen ist: »Nach dem Kampf ist vor dem Kampf – in den nächsten Wochen und Monaten gilt es nun, konstruktiv die offiziellen Verhandlungen zur Restrukturierung zu begleiten und zu gestalten und Siemens immer wieder daran zu erinnern, wie wichtig dieses Werk für die Region ist«, so der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ostsachsen, Jan Otto in einer Mitteilung.

Gemischte Gefühle dürften die Arbeiter des relativ kleinen Verdichterwerkes in Leipzig-Plagwitz haben. Zwar konnte auch hier die beabsichtigte Schließung der Fabrik mit ihren 270 Mitarbeitern abgewendet werden. Der Standort soll jedoch voraussichtlich verkauft werden. Wie Kugel der Süddeutschen Zeitung (9.5.) sagte, werde eine Veräußerung geprüft. Diese wolle man aber nur dann angehen, wenn man einen Käufer mit einem »nachhaltigen Konzept« finde. Vom Tisch ist somit offenbar auch der Plan, die Produktion aus dem Leipziger Westen ins nordrhein-westfälische Duisburg zu verlagern. Statt dessen sollen nun in NRW Stellen abgebaut werden.

Das ebenfalls zunächst zum Verkauf stehende Generatorenwerk in Erfurt soll im Gegensatz zum Leipziger Standort im Konzern verbleiben. Der Verkauf des Werks sei in den vergangenen Monaten geprüft worden, sagte Personalvorstand Kugel am Dienstag letzter Woche dem MDR. Dabei sei jedoch kein Käufer gefunden worden, »der das Werk auf Dauer erhalten hätte«. Das Werk werde daher jetzt von Siemens »selbst restrukturiert und neu ausgerichtet«. Im Klartext: Auch in der thüringischen Landeshauptstadt dürfte es zur Vernichtung von Arbeitsplätzen kommen.

Während also in den ostdeutschen Betrieben der Kraftwerkssparte zumindest Teilerfolge für die Belegschaften erreicht werden konnten, dürfte den rund 800 Beschäftigten des Werkes im hessischen Offenbach eher nicht zum Jubeln zumute sein. Wie Siemens mitteilte, soll der Standort »perspektivisch aufgegeben« beziehungsweise mit demjenigen im fränkischen Erlangen zusammengelegt werden. »Ein Teil der Mitarbeiter« solle jedoch »weiter im Rhein-Main-Gebiet bleiben«, so der Konzern. In Offenbach werden Gaskraftwerke geplant und weltweit entsprechende Projekte betreut.

Hinzu kommt, dass die Unternehmensspitze so oder so an der Vernichtung von weltweit bis zu 6.900 Arbeitsplätzen – die Hälfte davon in der Bundesrepublik – festhalten will. Ein hoher dreistelliger Millionenbetrag soll »eingespart« werden. Wie viele Stellen letztlich »gestrichen« werden, wollen Management und Beschäftigtenvertreter bis Ende September aushandeln. Keine Frage, die Kraftwerkstechnik nicht nur bei Siemens befindet sich in einer Krise. In Zeiten von »Energiewende« und Russland-Sanktionen lässt sich etwa mit Gasturbinen nicht mehr soviel Geld verdienen wie früher. Am 9. Mai präsentierte Siemens seine Quartalszahlen. Den Angaben zufolge verlor die Kraftwerkssparte gegenüber dem Vorjahreszeitraum drei Viertel ihres »Gewinns vor Zinsen und Steuern«. Das Zittern um die Jobs bei den aktuell noch rund 12.000 Mitarbeitern der Sparte »Power and Gas« dürfte also weitergehen. Der Widerstand gegen die Pläne der Konzernspitze um Josef Käser hoffentlich aber auch.


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