Aus: Ausgabe vom 14.05.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Der Ein-Mann-Geheimdienst

Jörn Happel hat den Lebensweg des deutschen Diplomaten Gustav Hilger erforscht

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Im Hintergrund: Gustav Hilger dolmetscht während des Besuches von Wjatscheslaw Molotow in Berlin (14. November 1940)

Am 5. Mai 1941 fand in der deutschen Botschaft in Moskau eine Unterredung zwischen Botschafter von der Schulenburg und dem sowjetischen Diplomaten Wladimir Dekanosow statt, an der auch Botschaftsrat Gustav Hilger teilnahm. Die beiden Deutschen wiesen hier und in zwei nachfolgenden Gesprächen in einer so unmissverständlichen Weise auf den bevorstehenden deutschen Angriff hin, dass dies einem »Geheimnisverrat« gleichkam, wie Jörn Happel in seiner Biographie Hilgers schreibt. Sie empfahlen der sowjetischen Führung einen spektakulären Schritt, etwa einen Brief Stalins an Hitler, um das Verhängnis noch aufzuhalten. Zwölf Jahre später belieferte Hilger die CIA, der er dabei half, Ansätze für eine Annäherung an die UdSSR im Bonner Auswärtigen Amt ausfindig zu machen. Er lag nun, so Happel, ganz auf »der amerikanischen Linie, die die Koexistenzpolitik als ›Trojanisches Pferd‹ bezeichnete, um die Wachsamkeit des Westens zu schwächen«. Dennoch misstraute ihm die CIA. Er sei noch zur Nazizeit offenbar ein »pinko« (ein Linker) gewesen, hieß es 1963, zwei Jahre vor Hilgers Tod.

1886 in Moskau als Sohn eines deutschen Kaufmanns geboren, verbrachte Hilger vor 1941 nur wenige Jahre seines Lebens außerhalb Russlands bzw. der UdSSR. Während des Ersten Weltkriegs interniert, geriet der Ingenieur 1917/18 eher zufällig als »Quereinsteiger« in den diplomatischen Dienst. An der deutschen Botschaft war er mit seinen Sprach- und Landeskenntnissen bald unentbehrlich. Eigentlich nur für Wirtschaftsfragen zuständig, rückte er in der Ära Schulenburg zum zweiten Mann hinter dem Botschafter auf. Obwohl Hilger von sowjetischen Politikern wie Anastas Mikojan durchaus geschätzt wurde, sahen die sowjetischen Sicherheitsorgane in ihm einen »gefährlichen Gegner«, da »er uns besser kennt, als wir uns selber kennen«. Der spätere GRU-Chef Iwan Serow sagte im Juni 1947 im Gespräch mit Hilgers Ehefrau Mary in Dresden, Hilger habe über die sowjetische Wirtschaft besser Bescheid gewusst »als viele Leute in der UdSSR«. Happel nennt Hilger »eine Art Ein-Mann-Geheimdienst«. Den sowjetischen Stellen war seit 1946 bekannt, dass der Deutsche nunmehr für die US-Amerikaner arbeitete. 1947 beantragten sie offiziell die Auslieferung Hilgers und unternahmen gleichzeitig den Versuch, ihn zur freiwilligen Übersiedelung in die SBZ zu bewegen, wo Frau, Tochter und Enkelkinder in Molchow bei Neuruppin lebten. Die Aktion endete jedoch mit der organisierten Ausschleusung der Familie nach Westberlin. In Washington, wo Hilger danach mehrere Jahre lebte, stand er in engstem Austausch mit George F. Kennan, einem der maßgebenden Strategen der US-Außenpolitik nach 1945.

Das fast ganz aus den Quellen geschriebene Buch Happels ist vor allem wegen seines Materialreichtums zu empfehlen. Hilger steht für Happel »am Beginn der Geschichte der Sowjetologie«. Persönlich sei er ein Opportunist aus der »zweiten Reihe« gewesen, der zwar »als Experte unerreicht« und ein Freund Russlands gewesen sei, aber mit »professioneller Flexibilität« letztlich die wechselnden politischen Vorgaben aus Berlin bzw. aus Washington bedient habe. Das Buch ist, wie Happel mit Recht betont, nebenbei auch ein weiterer Beleg für die »Elitenkontinuität« nach 1945. (jW)

Jörn Happel: Der Ost-Experte. Gustav Hilger – Diplomat im Zeitalter der Extreme. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, 533 Seiten, 68 Euro


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