Aus: Ausgabe vom 14.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Hirschfeld kommt

Heute vor 150 Jahren wurde Magnus Hirschfeld im damaligen Kolberg (Kołobrzeg) geboren, der »Einstein des Sex«, wie ein recht konventionell gehaltenes Biopic von Rosa von Praunheim aus dem Jahr 1999 über ihn heißt. Kann man sich auf Youtube ansehen. Dort gibt es auch ein recht launiges, zeitgenössisches Lied über den Pionier der Sexualwissenschaft zu hören, von Otto Reutter aus dem Jahr 1908. Darin geht es um die brutale Bigotterie des Wilhelminismus, die teilweise bis heute andauert: »Er wittert überall Skandal. / Er hält fast keinen für normal. / Drum sieht man täglich in Berlin / Herrn Hirschfeld durch die Straßen ziehn. / Und jeder kriegt ’nen Schreck, / kommt Hirschfeld um die Eck! / Der Hirschfeld kommt! / Der Hirschfeld kommt! / Dann rücken alle aus. / Er holt aus allen Dingen sich noch was Verdecktes raus«. Immer davon reden, aber nie etwas davon wissen wollen, weil es sonst kein Geheimnis mehr ist, von dem man sich so viel verspricht. »Sexualität und Wahrheit« hat das Michel Foucault genannt. »Lass uns nicht von Sex reden« haben Blumfeld später gesungen.

Magnus Hirschfeld hat Epochales geleistet. Er hat dafür gekämpft, dass es nicht schlimm ist, homosexuell zu sein. Oder Transvestit. Oder beides oder eben nicht. Ganz wissenschaftlich. Das hat er die »Lehre von den sexuellen Zwischenstufen« genannt. Egal, was man gender- oder diskurstheoretisch davon halten mag, doch seine These, dass es das »Weibliche« im »Männlichen« gibt und umgekehrt, das ängstigt die Rechten noch immer. Und auch die meisten Rapper. Das geht zu weit. Das sagen sie nicht nur, das fühlen sie. Da wird ihnen ganz eng ums Hirn. »Der Hirschfeld kommt!« Hurra! (jW)

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