Aus: Ausgabe vom 14.05.2018, Seite 8 / Ansichten

CIA-Skeptiker des Tages: Michel Temer

Von Peter Steiniger
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Der illegitime Präsident Temer relativiert die Geschichte, seine Regierung sieht das »Ansehen der Streitkräfte« als nicht beeinträchtigt

Für Matias Spektor von der Stiftung Getúlio Vargas, der das Dokument nach Freigabe durch die US-Regierung verbreitete, ist es das Krasseste, was er in zwanzig Jahren Forschung zu Brasiliens Diktatur (1964–1985) aus den Archiven hob. Doch »mit Informationen dieser Art« müsse man »sehr vorsichtig« sein, mahnt Brasiliens Präsident, Michel Temer, der früher selbst die Amis über politische Interna seines Landes auf dem laufenden hielt. Es geht um brisante Details aus einem Bericht, den der damalige CIA-Direktor William Colby am 11. April 1974 an Henry Kissinger, zu der Zeit Außenminister der Vereinigten Staaten, weitergereicht hatte.

Darin wird ein wenige Tage zurückliegendes Treffen von Brasiliens Staatschef Ernesto Geisel mit drei hohen Generälen geschildert. Die Enthüllung ist dem Image dieses Temer-Vorgängers als gemäßigter Diktator nicht zuträglich. Die Herren beraten sich über den Gang des staatlichen Terrors. Geisel erfährt demnach, dass mit 104 »Subversiven« im Jahr zuvor – fünf hatte die brutalste Phase unter dem Stiefel der Generäle gedauert – kurzer Prozess gemacht worden war. Der Präsident persönlich gibt grünes Licht dafür, mit den extralegalen Hinrichtungen fortzufahren. Man solle dafür Sorge tragen, dass es wirklich nur die »gefährlichen Subversiven« treffe. Ein echter Vertreter der »weichen Linie«.

Dass es sich beim Morden um von oben gelenkte Politik handelte, ist längst bewiesen. Für Temer beweist auch der neue Fund gar nichts. »Nicht alles, was die CIA sagt, ist notwendigerweise die Wahrheit«, betonte er gegenüber der Tageszeitung O Estado de S. Paulo. Das CIA-Geschwätz passe ja auch gar nicht mit dem »Vermächtnis des Präsidenten« zusammen, der sich doch bekanntermaßen so um die »politische Öffnung«, die »Rückkehr zur Demokratie« bemüht habe. Vielleicht doch nicht ganz so sehr wie Temer heute um das Gegenteil.

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