Aus: Ausgabe vom 14.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Bürger fürs Hakenkreuz

Bundeswehr und Rheinmetall prägen Faßberg in der Lüneburger Heide. Naziglocke hat hier viele Bewunderer

Von Kristian Stemmler
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Militär perfekt integriert: Besucher des Tags der Bundeswehr 2017 in Faßberg vor dem Kampfhubschrauber »Tiger«

In einer Chronik sind die Anfänge des Militärflugplatzes im südlichen Teil der Lüneburger Heide zwischen Munster und Celle beschrieben: »Am 6. November 1933 wurde der erste Spatenstich zur Errichtung des Fliegerhorstes Faßberg getan. Der Name Faßberg wurde nach dem in der Nähe gelegenen, 92 Meter hohen Faßberg, einem bescheidenen Hügel, gewählt.« Der Flugplatz ist heute mit einer Fläche von 574 Hektar einer der größten der Bundeswehr. 574 Hektar, das entspricht etwa 800 Fußballfeldern. Gerade mal zwei mal zwei Zentimeter groß ist dagegen das Hakenkreuz, das auf einer Glocke in der Michaelkirche des Ortes abgebildet ist. Für manche in dem Ort ist kaum zu verstehen, warum dieses kleine Symbol seit Monaten für großen Wirbel sorgt. Dabei machen der wesentlich größere Luftwaffenadler und die Jahreszahl 1938 auf der Glocke unmissverständlich klar: Sie ist ein Relikt des deutschen Faschismus – eine der mindestens ein Dutzend Naziglocken, die noch in deutschen Kirchtürmen hängen.

Seit einigen Wochen ist Faßberg gespalten. Eine Gruppe aus dem Ort kämpft vehement gegen den Beschluss, die Glocke abzuhängen. Den hatte der Kirchenvorstand der evangelischen St.-Laurentius-Gemeinde, zu der die Michaelkirche gehört, im Februar gefasst. Rund 1.600 Unterschriften hat diese Initiative gesammelt und im Rathaus abgegeben, wie NDR 1 Niedersachsen am 8. Mai berichtete. Angesichts der Tatsache, dass es im Kernort rund 3.000 Wahlberechtigte gibt, lässt sich sagen: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Ortes steht auf für eine Naziglocke.

Dass es überhaupt zu dem Streit in der Südheide kam, ist einer Frau aus der Pfalz zu verdanken. Im Mai 2017 machte die Organistin Sigrid Peters darauf aufmerksam, dass im Kirchturm des Dorfes Herxheim immer noch eine Glocke mit der Aufschrift »Alles fuer’s Vaterland. Adolf Hitler« läute. Das löste eine große Welle der Berichterstattung aus. Auch in weiteren Kirchen wurden Naziglocken entdeckt.

Zum Streit kam es woanders auch, aber Faßberg ist ein Sonderfall. Der Ort wurde inmitten alter Bauerndörfer gebaut, um Krieg zu führen. Siedlungen für die Soldaten und Arbeiter, die für den 1933 begonnenen Bau und Betrieb des Fliegerhorstes gebraucht wurden, prägten das Bild. Heute sind Faßberg und die Region von der Bundeswehr geprägt – und von Rheinmetall, dem größten deutschen Rüstungskonzern, der sich in der Südheide immer weiter ausbreitet. Auf der Homepage des Ortes heißt es, Faßberg und die umliegenden Ortschaften seien »eingebunden in die Aktivitäten des Flugplatzes und registrieren mit Interesse, was den Fliegerhorst, seine Stammsoldaten, Lehrgangsteilnehmer und zivilen Mitarbeiter betrifft«.

Für Hans-Dietrich Springhorn, Spross einer alten Bauernfamilie aus dem Dorf Faßberg-Müden und Mitglied einer Initiative, die für das Abhängen der Glocke kämpft, liegt der Zusammenhang zwischen Glockenstreit und Präsenz der Bundeswehr auf der Hand. »Der Traditionserlass von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zählt hier offenbar nicht«, sagte er am vergangenen Freitag im Gespräch mit jW. Die Ausbildungseinrichtungen und Einheiten der Bundeswehr in Faßberg seien für deren Auslandseinsätze bedeutend, der Standort also auch heute wichtig, um Krieg zu führen. In der Pro-Glocken-Gruppe gibt es Verbindungen zu Lokalpolitik und Bundeswehr. Einer der Unterschriftensammler zum Beispiel war Bundeswehr-Offizier und arbeitete später für das nahe Faßberg gelegene Erprobungszentrum Unterlüß. Seit etwa 100 Jahren liegt dort ein riesiges Areal für Munitionserprobung. Auf der Homepage des heutigen Betreibers, der »Rheinmetall Waffe Munition GmbH«, heißt es, das Zentrum sei mit 5.000 Hektar »das größte private Test- und Versuchsgebiet in Europa«, also ein gigantischer Schießplatz.

Die Unterschriftensammler im Ort arbeiten auf einen Bürgerentscheid hin. Den kann es aber nicht geben, denn der Umgang mit der Glocke ist Sache der Kirchengemeinde. Was genau mit ihr geschieht, soll im Frühsommer geklärt werden. Für den 8. Juni haben Kirchengemeinde und Gemeinderat zu einer Bürgerversammlung eingeladen, an der auch Fachleute für Erinnerungskultur teilnehmen sollen. Der Kirchenkreis Soltau schlägt laut NDR 1 Niedersachsen vor, die 1938 errichtete Michaelkirche umzubauen. Die einschüchternde Architektur sei ein Relikt der Nazizeit und sollte entschärft werden, wird Superintendent Heiko Schütte zitiert. Aktivist Springhorn schlägt vor, die Glocke in einer Ecke der Kirche zu belassen – »als Stolperstein im übertragenen Sinne. Um über die Geschichte nachzudenken«.

Hintergrund: Fliegerhorst Faßberg

Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags von 1919 war es Deutschland verboten, erneut militärisches Potential aufzubauen. Die Wiederaufrüstung der Reichswehr unter den Nazis begann 1933 im stillen. In der Südheide, in der Nähe des Hügels Faßberg, wurde unter großer Geheimhaltung mit dem Bau eines Fliegerhorstes begonnen. Ausschlaggebend für die Standortwahl waren die Nähe zu verschiedenen Fliegerschießplätzen und die gute Tarnung durch ausgedehnte Waldgebiete.

Im Januar 1935 wurde die Bombenschule Faßberg errichtet, später in Kampffliegerschule umbenannt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nutzte die Luftwaffe den Fliegerhorst vor allem für die Ausbildung. Im Krieg mussten etwa 200 russische Zwangsarbeiter Baracken auf dem Areal errichten, viele kamen vermutlich aus dem in der Nähe liegenden Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Nach dem Krieg übernahmen die Briten den Flugplatz, übergaben ihn dann im Dezember 1956 an die neu aufgestellte Bundeswehr. Diese setzte die Tradition fort, nutzte den Fliegerhorst für die Ausbildung von Flugpersonal für Luftwaffe und Heer. Aber auch Hubschrauberpiloten von Polizei und Bundesgrenzschutz (heute Bundespolizei) wurden in Faßberg ausgebildet.

Heute wird der Flugplatz unter anderem von Heeresfliegern genutzt. So ist laut Wikipedia in Faßberg das Transporthubschrauberregiment 10 »Lüneburger Heide« stationiert. Auf dem Gelände liegen ferner das Technische Ausbildungszentrum Luftwaffe, die Fachschule der Luftwaffe und die Deutsch-Französische Ausbildungseinrichtung »Tiger«, die Personal für den gleichnamigen Kampfhubschrauber schult. Stolz sind viele Faßberger darauf, dass der Flugplatz in den Jahren 1948 und 1949 wichtig für die sogenannte Berliner Luftbrücke war. Etwa ein Viertel der Transporte in die Stadt lief über den Standort in der Südheide. Im März 1990 wurde eine »Erinnerungsstätte Luftbrücke« mit einem kleinen Museum gegründet, das an diese Zeit erinnern soll. Bei einer Buchvorstellung im Dezember 2016 machte Faßbergs Bürgermeister Frank Bröhl (CDU) laut Museumswebsite deutlich, warum dies für den Ort eine so besondere Bedeutung habe: »Die Luftbrücke hat für unseren jungen Ort mit Identitätsfindung zu tun. Faßberg wurde geplant, um Krieg führen zu können. Nach 1945 gab es einen Wechsel und die großartige Leistung der Luftbrücke.« Mit der Zeit vor 1945 befassen sich viele Faßberger offenbar weniger gern. (kst)


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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • René Osselmann: Zweierlei Maß Und wieder einmal wird hier mit zweierlei Maß gemessen, da gibt es Befürworter für eine Glocke mit Hakenkreuz, und es gibt keine echte Entscheidung dagegen, wen stört schon eine Glocke mit Hakenkreuze...

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