Aus: Ausgabe vom 14.05.2018, Seite 2 / Ausland

»Gerecht wäre die Rückkehr aller Geflüchteten«

Israel: Immer noch prägen Vertreibung und Rechtlosigkeit das Leben vieler Familien, die 1948 ihr Land verloren. Ein Gespräch mit Rawan Bisharat

Interview: Hana Amoury
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Gedenken an die "Nakba", die "Katastrophe": Palästinensische Demonstranten fordern Rückkehrrecht für 1948 Vertriebene (Tiberias, 23. April 2015)

Ihre Familie wurde 1948 aus ihrem Dorf vertrieben. Wie wirkte sich das auf Sie und Ihre Familie aus?

Wir haben uns die ganze Zeit als Vertriebene beziehungsweise Geflüchtete gefühlt. Das Gefühl war immer präsent. In Jaffat Al-Nassera gibt es eine lokale Liste der Geflüchteten aus Maalul, die sich an den Kommunalwahlen beteiligen. Die Existenz der Liste zeigt, wie präsent die Frage der Binnenvertriebenen ist. Es handelt sich dabei um etwas, das nicht nur im Bewusstsein vorhanden ist, sondern auch in der Realität.

Was sagt Ihnen der Begriff »weiter andauernde Nakba« (»Nakba«, arabisch für »Katastrophe« bezeichnet die Vertreibung von Palästinensern vor, während und nach der Staatsgründung Israels, d. Red.)?

Die Frage: »Warum sind wir nicht zurückgekehrt?« hat mich immer sehr beschäftigt. Aber wenn ich an die »weiter andauernde Nakba« denke, denke ich nicht primär an das Recht, nach Maalul zurückzukehren, das uns bis heute verweigert wird, sondern den großen Zusammenhang: Die heute geschehenden Landenteignungen, die »Judaisierung« des Negev und Galiläas, die jetzige Vertreibung – das ist die »weiter andauernde Nakba«. Die Regierungspolitik, die arabische Ortschaften stranguliert und aktiv an ihrer Weiterentwicklung hindert, gehört meines Erachtens zur »weiter andauernden Nakba«.

Was soll aus den Binnenvertriebenen werden? Was wäre eine gerechte Lösung? Nicht auf der Ebene wilder Phantasien, sondern als realistische Vorstellung.

Der Krieg endete vor 70 Jahren. Nicht alle palästinensischen Geflüchteten, die über die ganze Welt verstreut sind, wollen an den Ort zurückkehren, aus dem sie vertrieben wurden. Aber alle wollen Gerechtigkeit, und das bedeutet, dass ihnen die Möglichkeit gegeben werden sollte zu wählen: eine Entschädigung zu erhalten oder in ihr Land zurückzukehren oder wenigstens dazu berechtigt zu sein zu kommen und das Land, das ihnen einst gehörte, zu besuchen.

Weil meine Familie ihren Besitz verloren hat, habe ich bis heute kein eigenes Zuhause. Ich fordere nicht notwendigerweise das spezifische Stück Land, das meine Familie verlor, aber ich will ein Stück Land. Ich fordere eine Entschädigung, die dem Wert dessen, was ich verloren habe, entspricht.

Die meisten Israelis, vielleicht auch die meisten Menschen auf der Welt, werden entgegenhalten, dass Konflikte durch Kompromisse gelöst werden. Glauben Sie immer noch daran, dass die Rückkehr stattfinden muss?

Gerecht wäre die Rückkehr aller Geflüchteter. Ich bin nicht bereit, eine Situation zu akzeptieren, in der die israelische Regierung den Binnenvertriebenen etwas anbietet, was sie den anderen palästinensischen Geflüchteten nicht bereit ist zu geben.

Der Kompromiss, zu dem ich bereit bin, beträfe die Art des Angebots und die praktische Umsetzung. Wie ich schon sagte, es kann sich dabei um eine gleichwertige, entsprechende Entschädigung handeln oder um eine wirkliche Rückkehr auf das ehemalige eigene Land; es kann auch das Recht sein, die alte Heimat zu besuchen, ein Recht, das allen Geflüchteten, bis auf denjenigen, die zu israelischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern wurden, bisher verweigert wurde.

Trotz seiner Wichtigkeit scheint es nur wenige Menschen zu geben, die diesen Kampf zu ihrem Hauptanliegen machen. Zum Beispiel kämpfen die Menschen im Negev sowohl mit Gerichtsverfahren als auch mit öffentlichen Kampagnen um ihren Landbesitz. Organisieren Binnenvertriebene ähnliche Initiativen?

Es gibt keine praktischen Strategien in diesem Kampf, weder gegenüber dem Staat noch in anderer Hinsicht. Der Grund ist meines Erachtens die Tatsache, dass die zweite Generation ihre Niederlage akzeptiert hat. Der Kampf der Binnenvertriebenen ist heute hauptsächlich nostalgisch, ohne eine Handlungsstrategie, die auf Veränderung ausgerichtet ist.

Warum ist das so?

Der Alltag frisst uns auf. Die »weiter andauernde Nakba«, über die wir schon gesprochen haben, frisst unsere Zeit und unsere Kräfte auf. Wir kämpfen darum zu »bleiben«, zu überleben.

Rawan Bisharat, Leiterin der jüdisch-palästinensischen Organisation ­Sadaka Reut, stammt aus dem Dorf Maalul. Ihre Familie wurde 1948 von dort vertrieben, zog nach Jaffat Al-Nassera.


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