Aus: Ausgabe vom 08.05.2018, Seite 5 / Inland

Moderne Sklaverei im Kommen

Atlas der Arbeit zeichnet Verschlechterung der Arbeitsbedingungen nach. Autoren wollen von Klassenkampf dennoch nichts wissen

Von Nico Popp
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Für kämpferische Gewerkschaften: Demonstranten am 1. Mai 2018 in Freiburg

Die »moderne Sklaverei« ist in der Bundesrepublik auf dem Vormarsch. Das ist ein Detail aus dem vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) herausgegebenen »Atlas der Arbeit«, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Der Geschäftsführer der HBS, Michael Guggemos, gab an, bei den Bearbeitern noch einmal nachgefragt zu haben, was es mit dem »zunehmenden Risiko« in dieser Angelegenheit auf sich habe. Die hätten unter anderem auf Formen unfreier Arbeit in der Fleischindustrie hingewiesen. Der Atlas hebt als einschlägiges Problemfeld den Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen Ausbeutung hervor. Vor allem Frauen aus Bulgarien, Rumänien und Nigeria arbeiteten in der BRD in Bordellen und Wohnungen unter Bedingungen, die als »Zwangsprostitution mit Freiheitsberaubung« beschrieben werden.

Offenbar gehört die Sklaverei zu der »revolutionären Situation«, in der sich die Arbeitswelt nach Ansicht von Guggemos derzeit befindet. Auf immer mehr Arbeitsverhältnisse in ganz unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und Einkommenskategorien sei der »traditionelle Arbeitnehmerbegriff« – sozialversichert, keine Befristung, vertraglich geregeltes, festes Entgelt, feste Arbeitszeit – nicht mehr anwendbar. Guggemos verwies auf scheinselbständige Essenslieferanten und den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Universitäten. An vielen Hochschulen sei mittlerweile jeder wissenschaftliche Angestellte unterhalb der Ebene des Professors befristet beschäftigt. DGB-Chef Reiner Hoffmann sagte, dass ein Viertel aller Berufstätigen regelmäßig am Wochenende oder am Abend arbeite. Ein ähnlich hoher Anteil gebe an, auch nach Feierabend für den Chef oder die Firma erreichbar zu sein.

Neben den durch die politisch durchgesetzte Deregulierung hervorgerufenen Strukturveränderungen hebt der Atlas auch die Folgen der Digitalisierung hervor. Hier verlaufe die Diskussion, so Guggemos, sehr widersprüchlich. So werde von der Logistikbranche einerseits ein Mangel an Lkw-Kraftfahrern beklagt, andererseits kursierten Szenarien, wonach der selbstfahrende Lkw den Kraftfahrberuf demnächst zum Verschwinden bringe. Hoffmann betonte, dass die Diskussionen über ein Ende der Erwerbsarbeit erledigt seien. Die Erwerbsarbeit werde auch in Zukunft »konstitutiv für den sozialen Zusammenhalt sein«, auch wenn sich viele Parameter verschoben hätten, etwa die Einstellung der Beschäftigten zur Arbeitszeit. In dieser Situation solle der Atlas der Arbeit die Diskussion mit Fakten und Einschätzungen voranbringen. Bei der Aufbereitung des Materials sei, so Hoffmann, der Blick bewusst über den »nationalen Tellerrand« gerichtet und auf »gewerkschaftliche Forderungen verzichtet« worden.

Der Atlas stellt heraus, dass Beschäftigte bessere Arbeitsbedingungen und Löhne haben, wenn Gewerkschaften ihre Interessen in Tarifverhandlungen vertreten. Hoffmann unterstrich, dass Tarifbeschäftigte in der BRD in den letzten Jahren einen Reallohnzuwachs von mehr als zwei Prozent erzielt hätten, während die Realeinkommen andernorts stagnierten oder gesunken seien. Eine Erfolgsmeldung ist das eigentlich nicht, denn dem Atlas ist zu entnehmen, dass der Anteil der Tarifbeschäftigten zwischen 1998 und 2016 in Westdeutschland von 76 auf 59 und in Ostdeutschland von 63 auf 47 Prozent gesunken ist. Gleichzeitig steigen die Einkommen aus Arbeit viel langsamer als Kapitaleinkommen. In einer »polarisierten Lohnstruktur« profitieren zudem Gutverdienende absolut und relativ stärker als andere Einkommensgruppen von steigenden Löhnen. In den beiden unteren Einkommenszehnteln sind die Stundenlöhne demnach zwischen 1995 und 2015 sogar um sieben Prozent gesunken, in den beiden oberen dagegen um acht bzw. zehn Prozent gestiegen. Dazu passt, dass gerade einmal 18 Prozent der Erwerbstätigen angeben, dass ihre Rente später einmal »gut« oder »sehr gut« zum Leben reichen wird. 82 Prozent beantworten diese Frage mit »nein« oder »gerade so«. Insgesamt ergibt sich zumindest da, wo es um harte Fakten geht, das Bild einer kontinuierlichen Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen für Lohnabhängige in den vergangenen beiden Jahrzehnten. Dennoch verblüffen die Atlas-Autoren mit dem Statement, dass »der Kapitalismus kein permanenter Klassenkampf« sei und »am besten« funktioniere, wenn »auch die Arbeitnehmer profitieren«.

Gelegenheit, aktuelle Anekdoten aus der »revolutionären« Arbeitswelt zu kommentieren, fand sich am Montag natürlich auch. Die gerade bekanntgewordene Praxis der Post, die Entfristung von Arbeitsverträgen an eine Obergrenze für Krankentage zu koppeln, nannte Hoffmann »moralisch höchst verwerflich«, schob aber sogleich nach, dass dieses Verhalten »arbeitsrechtlich wohl nicht angreifbar« sei. Dass die Post Arbeitsprozesse einerseits immer weiter verdichte und so den Stress für die Beschäftigten erhöhe, diese aber gleichzeitig für die Beschädigung von Betriebsmitteln mit verweigerten Entfristungen abstrafe, sei »unsäglich«. Die Nachfrage, ob Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat der Post bislang gegen diese Praxis vorgegangen seien, beantwortete der DGB-Chef ausweichend. Sitzungen von Aufsichtsräten unterlägen der Verschwiegenheitspflicht. Er begrüßte die Ankündigung des Bundesfinanzministeriums, bei der Post in dieser Angelegenheit zu intervenieren, und ermunterte den Finanzminister, nun auch als wichtiger Aktionär der Telekom dafür zu sorgen, dass deren US-Tochter endlich Gewerkschaften und Tarifverträge anerkenne.

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Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

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