Aus: Ausgabe vom 08.05.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Späte Einsicht

Widerstandskämpfer statt Kolonialherren: »Afrikanisches Viertel« in Berlin wird erst durch geplante Umbenennung von Straßen seinem Namen gerecht

Von Kristian Stemmler
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Landraub als ehrenwerte Leistung: Straßenschild der Lüderitzstraße in Berlin (Juni 2017)

Der Vorgang ist bisher landesweit einmalig und könnte Signalwirkung haben. Nach jahrelangem Kampf ist es der Black Community Berlins und verbündeten Initiativen gelungen, die Umbenennung zweier Straßen und eines Platzes des sogenannten Afrikanischen Viertels im Wedding durchzusetzen. »Das könnte eine Blaupause für andere Städte wie Hamburg sein, in denen auch für solche Umbenennungen gekämpft wird«, sagte Tahir Della vom Bündnis »Decolonize Berlin« am Montag im Gespräch mit junge Welt.

Im ältesten und größten der noch etwa 30 deutschen Kolonialviertel sollen die Lüderitzstraße, die Petersallee und der Nachtigalplatz neue Namen bekommen. Dies beschloss Mitte April die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte mit der Mehrheit von SPD, Grünen und Linkspartei. »Das Afrikanische Viertel glorifiziert immer noch den Kolonialismus und seine Verbrechen. Das ist mit unserem Demokratieverständnis nicht zu vereinbaren und beschädigt dauerhaft das Ansehen der Stadt Berlin«, heißt es in der Begründung des Antrags der drei Fraktionen.

Adolf Lüderitz, Carl Peters und Gustav Nachtigal spielten eine zentrale Rolle bei der Annexion afrikanischer Länder durch das Kaiserreich. Sie wurden mit den Straßennamen bewusst als »Begründer« deutscher Kolonien in Afrika geehrt, tatsächlich tragen sie Mitschuld an Ausbeutung, Unterdrückung und Massakern im Afrika der Kolonialzeit. Beim Bündnis »Decolonize Berlin« freut man sich besonders über die neuen Namen. Der Bezug zur Geschichte der Kolonien wird beibehalten, die Perspektive jedoch umgekehrt. Della: »Es werden die gewürdigt, die im Widerstand gegen die deutschen Kolonialherren ihr Leben ließen.«

Die Lüderitzstraße soll künftig Cornelius-Frederiks-Straße heißen und damit den Namen eines Anführers des Widerstands des Nama-Volks in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) erhalten. Der Nachtigalplatz soll Bell-Platz heißen – in Erinnerung an Rudolf Duala Manga Bell, König der Duala im heutigen Kamerun, der sich mit seiner Frau Emily gegen die Deutschen auflehnte. Die Petersallee wird geteilt. Eine Hälfte wird den Namen der Herero-Nationalheldin Anna Mungunda tragen, die andere Hälfte Maji-Maji-Allee heißen, nach dem brutal niedergeschlagenen Maji-Maji-Aufstand von 1905 bis 1907 im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania).

Dass es mehr als 20 Jahre dauerte, bis die Diskussion über die Straßennamen Früchte trug, liegt vor allem am erbitterten Widerstand konservativer Kreise. Insbesondere die CDU sperrte sich von Anfang an. Als die Organisationen der Black Community 2004 geschlossen die Umbenennung der nicht im Afrikanischen Viertel liegenden Mohrenstraße forderten, belehrte sie der damalige CDU-Innensenator Frank Henkel, es werde eine »Kampagne nach Gutmenschenart gefahren, die ein linkes Stadtbild auch in Straßennamen manifestieren soll«.

Zwei lokale CDU-Politiker, Karina Filusch und Johann Ganz, führen die Anwohnerinitiative Pro Afrikanisches Viertel (IPAV) an, die sich mit teilweise absurden Argumenten gegen die Straßenumbenennungen stemmt. Kolonialverbrechen werden zum Beispiel mit der Behauptung relativiert, Gustav Nachtigal sei ein Bewunderer afrikanischer Kultur gewesen und habe den Sklavenhandel abgelehnt.

Als Hebel nutzen Filusch und Co. vor allem eine groteske Aktion im Jahr 1986. Damals war die Petersallee auf Drängen von Anwohnern einfach umgewidmet, eine Legende am Straßenschild angebracht worden, dass die Straße ab sofort den CDU-Politiker Hans Peters ehre, der sich den Nazis widersetzt habe. »Im Kontext des Viertels änderte das natürlich gar nichts«, kritisierte Tahir Della. Das sieht die CDU anders. Laut Tagesspiegel vom Freitag hat die CDU-Fraktion der BVV bei der Bezirksaufsicht Beschwerde gegen die Umbenennung der Petersallee eingelegt. Der Berliner Senat hat allerdings klargestellt, dass die Umwidmung von 1986 nicht rechtskräftig geworden sei, weil die damals »beabsichtigte Änderung des Straßennamens nicht den zulässigen Merkmalen von Straßenumbenennungen« entsprochen habe.

Die Beschwerde und angekündigte Klagen gegen die Umbenennungen sieht Della gelassen. »Ich glaube nicht, dass das Erfolg haben kann«, sagte er jW. Es könne aber wohl noch bis Anfang 2019 dauern, bis die neuen Straßenschilder im Wedding angeschraubt werden. Della: »Erst dann kann das Afrikanische Viertel mit gutem Recht als ›afrikanisch‹ und als kritischer Lern- und Erinnerungsort zum deutschen Kolonialismus betrachtet werden.«


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