Aus: Ausgabe vom 04.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Jeder in seiner Lage

Florian Opitz’ kapitalismuskritischer Dokfilm »System Error«

Von Kai Köhler
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Das Ei war vorher da (Filmszene)

Zwar hat sich nach der Finanzkrise von 2007/08 in den meisten Ländern der Neoliberalismus noch radikalisiert. Doch ist, mindestens in den Industrieländern Europas und Nordamerikas, seine ideologische Vorherrschaft beschädigt. Es gibt auch im offiziellen Kulturbetrieb wieder die Möglichkeit, den Kapitalismus als solchen zu bezeichnen und über dessen Grenzen zu reflektieren.

Die Entstehungsgeschichte von Florian Opitz’ Dokumentarfilm »System Error« steht für diesen Erkenntnisgewinn. Am Beginn stand die Idee, den Wachstumszwang im Kapitalismus zu hinterfragen und Alternativen aufzuzeigen: Opitz nennt Regionalwährungen, solidarische Landwirtschaft oder Urban Gardening als Ansätze dafür. Angesichts der paar Gemüsebeete, die er fand, erkannte er sein Konzept als untauglich. Die Alternativen waren gut dafür, in Nischen ein gutes Gewissen zu pflegen, doch taugten nicht dazu, den Kapitalismus auch nur zu bremsen.

Opitz verzichtete darauf, die Anhänger der Grünen in Verzückung zu versetzen, und beschäftigte sich statt mit den Nebensachen mit der Hauptsache: der Funktionsweise des Kapitalismus. Er beschäftigte sich auch mit den theoretischen Schriften von Karl Marx, die er nicht verharmlost. Anders als bei mancher neuen Marx-Lektüre, die nur die Analyse des Kapitalismus sieht, hebt Opitz – mit dem Verfasser – die Begrenztheit dieser Gesellschaftsformation hervor.

Die Grundidee des Films blieb erhalten: Der Kapitalismus ist auf unendliches Wachstum angewiesen, doch der Planet bietet dafür nicht die Ressourcen. Opitz entwickelt sein Thema einerseits historisch. Er zeigt, wie von der Kriegswirtschaft der 1940er Jahre an »Wachstum« eine Kennziffer wurde, die seitdem weitgehend unhinterfragt für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt steht. Dabei ist es gleichgültig, ob die so gemessene wirtschaftliche Aktivität der Bevölkerung nützt oder schadet – auch wenn nach Umweltkatastrophen die Folgen beseitigt werden müssen, geht das positiv in das Bruttosozialprodukt ein. Opitz zeigt, wie in den 70er Jahren das Wachstumsmodell des Massenkonsums in die Krise geriet, wie die Entfesselung der Finanzmärkte mittels Verschuldung dieses Problem löste und neue Probleme erzeugte, wie gegenwärtig die Automatisierung der Produktion Menschen weitgehend überflüssig macht und damit zur Frage führt, wer künftig Geld verdient, um das Produzierte zu kaufen.

Im Film sehen wir den brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, der binnen weniger Jahre vom Regenwald zur Agrarfabrik für die globale Wirtschaft wurde, und deutsche Autofabriken, die fast gänzlich ohne Arbeiter auskommen. Wir sehen auch die New Yorker Börse, die längst nicht mehr überfülllt ist mit wild fuchtelnden Spekulanten. Mathematiker haben die Regie übernommen, mit Programmen, die in Sekundenbruchteilen Kaufentscheidungen treffen und kaum noch kontrollierbar sind.

In Brasilien, wo die blanke Armut eine positive Haltung zum Wachstum nahelegt, sind Opitz’ Protagonisten noch am ehesten mit der Produktion verbunden. In Europa, China und Nordamerika treten Leute vor die Kamera, die verkaufen, werben oder spekulieren. Es erweist sich als erkenntnisfördernd, statt alternativer Randgruppen Vertreter des Kapitalismus zum Sprechen zu bringen.

Man hört Leuten zu, die mit kindlichem Trotz behaupten, es habe immer Wachstum gegeben und werde immer Wachstum geben. Sie reden verächtlich über Akademiker und Umweltschützer. Die Nachdenklicheren unter ihnen erkennen durchaus Probleme – doch halten sie diese für innerhalb des Systems behebbar. Vor allem aber schwärmen sie von der Zukunft: Pro Jahr, so rechnet ein Airbus-Vertreter vor, werden in China zwischen zehn und 15 Flughäfen neu eröffnet; alle 15 Jahre verdopple sich weltweit die Zahl der Flugzeuge.

Auf nur hundert Jahre hochgerechnet entpuppt es sich als Irrsinn, einem solchen System unendliches Funktionieren zuzuschreiben. Das zeigt Opitz; und doch bleiben Fragen. In »System Error« erscheinen Wachstumsfanatismus und Finanzmarktkapitalismus als Ergebnisse konkreter historischer Entscheidungen. Diese Entscheidungen waren der bislang erfolgreiche Versuch, konkrete Krisen des Kapitalismus zu überwinden. Wären andere Entscheidungen möglich gewesen? Könnten vernünftigere Vertreter des Kapitalismus vernünftiger entscheiden?

Der Titel des Films spricht dagegen, alle Marx-Zitate sprechen dagegen. Am Ende tut wohl jeder, was er in seiner Lage tun muss. Gerade dies jedoch ist filmisch kaum zu vermitteln. Dokfilme stellen Menschen in den Mittelpunkt, und die sind vor allem interessant, wo sie etwas verändern können. Opitz denkt dramaturgisch genau und denunziert die Männer nicht, die er zeigt (es sind nicht zufällig ausschließlich Männer). Bei Marx hingegen ergibt sich die Erkenntnis aus der Arbeit an Begriffen und nicht zuletzt mit trockenen Formeln. Das ist ästhetisch schwer umzusetzen.

Die Formeln bezeichnen etwa Eigentumsverhältnisse. Im Umkehrschluss verweisen sie darauf, wer ein Interesse daran hat, den Kapitalismus abzuschaffen, und auf die dafür geeigneten Methoden. Dies zu benennen, dürfte in einer Koproduktion von WDR, BR und Arte schwierig sein. Opitz leistet, was heute außerhalb von Nischen zu leisten wieder möglich ist. Er bringt viele erkenntnisfördernde Details ins Bild, man sollte sich das unbedingt anschauen, auch wenn der kapitalismuskritische Film noch kein revolutionärer ist.

»System Error«, Regie: Florian Opitz, D 2018, 96 min, Beginn einer Kinotour mit Regisseur und wechselnden Gästen: heute, 20.30 Uhr, Köln (Cinenova), regulärer Kinostart: 10. Mai, systemerror-film.de

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