Aus: Ausgabe vom 04.05.2018, Seite 8 / Inland

»Der Wohnungsmarkt ist für Reiche ausgelegt«

Stuttgart: Viel Leerstand, aber kaum bezahlbare Wohnungen. Besetzungsaktion schafft Abhilfe. Ein Gespräch mit Adriana Rossi

Interview: Peter Schaber
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Endlich Leben in der Bude: Über ein Jahr stand diese Wohnung leer, nun lebt eine Familie hier

Sie haben zusammen mit Ihrer Familie eine neue Wohnung in Stuttgart-Heslach bezogen, ganz ohne Mietvertrag. Wie kam es dazu?

Diese Wohnung stand leer, wie so viele andere Häuser hier in Stuttgart – und auch bundesweit. Es ist offensichtlich, dass es sich bei diesem Leerstand nicht um »Einzelfälle« handelt. Das hat System. Und da haben wir uns gedacht, dass wir uns die Wohnung jetzt eben einfach nehmen und dann Mietverträge fordern. Wir wollen hier nicht umsonst wohnen, sondern sind auch bereit, dafür zu zahlen.

Ist die neue Wohnung schon gemütlich eingerichtet?

Es ist sehr nett hier, man kann hier wohnen. Wir fühlen uns wohl. Die Wohnung war in einem guten Zustand, sanieren mussten wir nichts. Boden und Wände sind super. Ganz wie man sich eine gute Wohnung vorstellt.

Auf dem Wohnungsmarkt war für Sie nichts zu bekommen?

Wie in allen anderen Großstädten Deutschlands ist es auch in Stuttgart sehr schwierig etwas zu bekommen. Ich hatte bereits während meiner Schwangerschaft begonnen, eine Wohnung zu suchen, meine Tochter ist jetzt eineinhalb Jahre alt. In den zwei Jahren war es uns unmöglich, etwas zu finden. Ich bekomme ALG-II-Leistungen und da beträgt die Mietgrenze vom Jobcenter für drei Personen 675 Euro. Das gibt’s in Stuttgart einfach nicht. Der Wohnungsmarkt ist für reiche Leute ausgelegt und nicht für Menschen, die weniger Geld haben.

Insgesamt sind nun zwei Wohnungen besetzt worden: Sie bewohnen eine, eine Mutter mit Kind die zweite. Wem gehört das Haus eigentlich, in das Sie eingezogen sind?

Lange Zeit war gar nicht bekannt, wem das Haus gehört. Wir wissen jetzt, dass es im März von einer Familie aus London gekauft wurde. Die beiden Wohnungen standen seit einem Jahr leer. Im Rest des Hauses wohnen auch noch andere Mieter, doch die Eigentümer machen Druck. Sie wollen die auch raus haben, weil sie wohl sanieren und teurer weiter vermieten wollen.

Gab es schon eine Reaktion seitens der Eigentümer? Sind die verhandlungsbereit?

Eine der Eigentümerinnen kam hier vorbei, mit jemandem von der Hausverwaltung und zwei Polizisten. Die Eigentümerin ist wohl extra aus London eingeflogen. Gesprächsbereitschaft gab es keine. Für die ist klar, dass wir hier raus sollen. Konkretere Verhandlungen, über Mietverträge oder ähnliches, gab es bislang nicht.

Und die Polizei?

Der SWR hat mit der Polizei gesprochen, und die sollen wohl gesagt haben, dass sie zunächst nicht räumen werden.

Wie sieht die Unterstützung aus der Politik, aber auch aus der Bevölkerung aus?

Wir kriegen sehr viel Solidarität. Hier sind immer wieder auch Leute aus dem Stadtrat, Vertreter der Fraktionsgemeinschaft »SÖS Die Linke Plus«. Bernd Riexinger von der Linkspartei war hier. Die komplette Nachbarschaft und viele Leute aus dem Viertel hier reagieren sehr positiv auf unsere Aktion. Ich hätte vorher auch nicht gedacht, dass es so viel Zustimmung geben würde. Es ist wirklich ein Thema, das sehr viele Menschen betrifft. Auf dem Hoffest, das wir veranstaltet haben, waren sehr viele Nachbarn. Die kommen auch immer wieder vorbei, und wir diskutieren gemeinsam.

Uns ist wichtig, dass die Probleme auf dem Wohnungsmarkt keine individuellen sind, die man alleine lösen kann. Wir wollen uns kollektiv organisieren, mit allen Mieterinnen und Mietern zusammen. Nur gemeinsam kann man sich gegen diese Zustände wehren. Dass unser Fall jetzt medial aufgegriffen wird, ist ja gut und wichtig. Aber die Schwierigkeit, bezahlbare Wohnungen zu finden, betrifft ja nicht nur meine Familie.

Wie geht’s nun weiter?

Wir haben jetzt eine Solidaritätserklärung verfasst und hoffen auf breite Unterstützung. Wir bleiben hier jedenfalls drin und fordern einen Mietvertrag zu sozial verträglichen Konditionen.

Adriana Rossi besetzt zusammen mit ihrer Familie seit vergangenen Samstag eine leerstehende Wohnung in Stuttgart-Heslach.


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