Aus: Ausgabe vom 04.05.2018, Seite 7 / Ausland

Ringen um eine neue Chance

Mumia Abu-Jamal will seine Unschuld beweisen. Doch die Mühlen der Justiz könnten das verhindern

Von Jürgen Heiser
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Solidaritätskundgebung für Mumia Abu-Jamal 2010 in Philadelphia

Der juristische Kampf des US-Journalisten und Bürgerrechtlers Mumia Abu-Jamal tritt weiter auf der Stelle. Am Montag verhandelte das Gericht in Philadelphia erneut öffentlich über eine Klage des seit über 37 Jahren inhaftierten politischen Gefangenen. Diese sollte den Weg zu einer neuen Verhandlung eröffnen, in der Mumia endlich seine Unschuld beweisen und den Vorwurf des Mordes an dem Polizisten Daniel Faulkner widerlegen kann.

Es ging darum, die bisherigen Entscheidungen höherer Gerichte des US-Bundesstaats Pennsylvania aufzuheben, die einen Berufungsantrag Mumias verweigert hatten. Abu-Jamals Anwälte werfen dem an den früheren Entscheidungen beteiligten Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs Pennsylvanias, Ronald Castille, Befangenheit vor. Der mittlerweile pensionierte Jurist hatte vor seiner Tätigkeit als Richter als Staatsanwalt gegen Abu-Jamal ermittelt.

Wie Noelle Hanrahan von Prison Radio mitteilte, erschien am Montag Philadelphias stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Tracey Kavanagh vor Gericht. Sie erklärte, dass bei einer Durchsicht aller Aktenbestände aus Abu-Jamals Verfahren kein Dokument gefunden worden sei, das eine Beteiligung von Castille am Verfahren gegen Abu-Jamal belegen würde. Ihre Behörde lehne deshalb die vom Kläger angestrebte Wiederaufnahme des Verfahrens ab.

Dieser Einlassung widersprach Abu-Jamals Anwalt Sam Spital von der Bürgerrechtsorganisation NAACP. Castille sei sehr wohl an kritischen Entscheidungen gegen seinen Mandanten beteiligt gewesen, beispielsweise als er im Juni 1990 den damaligen Gouverneur Robert Casey schriftlich beschwor, »allen Polizistenmördern eine klare und dramatische Botschaft zu übermitteln, dass die Todesstrafe nicht nur ein Wort ist«, und Hinrichtungsbefehle »zum frühestmöglichen Zeitpunkt« auszustellen. Auch wenn Abu-Jamals Berufungsverfahren noch nicht abgeschlossen gewesen sei, so Spital, sei es die erklärte Politik Castilles gewesen, die sofortige Unterzeichnung des Hinrichtungsbefehls auch gegen seinen Mandanten durchzusetzen.

Anwalt Bret Grote vom »Abolitionist Law Center« bezeichnete es gegenüber Prison Radio als »Fehler« der Behörde, »nicht zu erkennen, dass Castille eine aktive Rolle bei der Verfolgung der Hinrichtung von Mumia Abu-Jamal spielte«. Sie erweise sich damit als »unfähig, das zu tun, was die Gerechtigkeit erfordert«.

Die rechte Polizeibruderschaft FOP hatte schon in den Tagen zuvor Stimmung gegen die Anhörung in Philadelphia gemacht und verkündet, es sei »glasklar, dass die richtige Person im Gefängnis sitzt, um die grausame Hinrichtung von Daniel Faulkner zu sühnen«. Faulkners Witwe Maureen hatte in einem offenen Brief wiederholt, Abu-Jamal sei »ein bösartiger Mensch« und sie werde »bis an ihr Lebensende dafür kämpfen, dass er nicht freikommt«.

Keith Cook, der ältere Bruder von Abu-Jamal, schrieb in einem Kommentar für die Tageszeitung Philadelphia Inquirer, seine Familie fühle Frau Faulkners Schmerz, bedauere jedoch, dass »die Polizei all die Jahre ihren Rachedurst manipuliert« habe, um die Wahrheit zu verschleiern, wer Faulkner wirklich getötet hat«. Cook rief deshalb den seit Januar amtierenden Bezirksstaatsanwalt Larry Krasner auf, »seinem Versprechen treu zu bleiben, das Unrecht seiner Behörde« zu korrigieren. »Helfen Sie, meinen Bruder Mumia zu befreien!«

Die Frage, ob der jW-Kolumnist Mumia Abu-Jamal noch einmal die Chance auf einen fairen Prozess erhält, wird erst in der nächsten Anhörung des Gerichts am 30. August behandelt werden. Bis dahin tauschen die streitenden Parteien weitere Schriftsätze aus.


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