Aus: Ausgabe vom 02.05.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wisotzki, Tschörtner, Nawrocki, Schulze

Von Jegor Jublimov
Die Regisseurin Petra Tschörtner, 2009
Die Regisseurin Petra Tschörtner, 2009

Als in den 70er Jahren die Leipziger Moritzbastei freigelegt und zum Studentenclub umgestaltet wurde, packte Jochen Wisotzki tatkräftig mit an. Übermorgen kann der Wismarer Medienprofessor seinen 65. Geburtstag feiern. Der Diplomjournalist war Dramaturg und Autor bei der DEFA, 1990 inszenierte er mit Heinz Brinkmann den Prenzlauer Berg-Film »Komm in den Garten«, der fast Kult wurde. In diese Zeit fällt auch Wisotzskis Zusammenarbeit mit Regisseurin Petra Tschörtner. Für »Berlin-Prenzlauer Berg« zeichnete Wisotzki als Autor mitverantwortlich. Es war nicht ihr erster gemeinsamer Film. Die Kurzfilme »Schnelles Geld« über Pferderennsport und »Das freie Orchester« über eine Amateurband gingen unmittelbar voraus. Als »problematisch« galt beider Film »Unsere alten Tage« (1989), der die Situation in einem typischen Ostberliner Altenheim schildert. Die Kluft zwischen sozialem Anspruch und Realität war riesig.

Tschörtner wäre am Sonntag 60 geworden. Aus diesem Anlass zeigt das Kino in der Brotfabrik in Berlin vom 10. bis zum 16. Mai diese und andere Filme der Regisseurin in einer kleinen Retrospektive. Mit 54 starb sie nach langer Krankheit. Die schmale Person voll großer Kraft, mit Einfühlungsvermögen und sozialer Kompetenz drehte schon vor dem Studium an der Babelsberger HFF 1978–82 einen Film über Heimkinder, der den Wünschen »von oben« nicht entsprach und bis 1990 nicht gezeigt werden konnte. Ähnliches passierte ihr mit ihrem Diplomfilm »Hinter den Fenstern«, in dem sie junge Potsdamer Paare porträtierte, die keine stromlinienförmigen Antworten gaben. In Oberhausen gewann der Film 1984 den Hauptpreis. Danach wurde der Umkehrfilm (einziges Original) neben einer Heizung gelagert in der Hoffnung, dass er schrumpft und unspielbar wird. Die Regisseurin konnte ihn retten.

Schon am Montag wie Nawrocki wäre ein Hoffnungsträger des deutschen Schauspiels 60 geworden, der mit 36 an einer Immunschwächekrankheit starb. Dirk Nawrocki wurde 1974 am Berliner Ensemble entdeckt – als Melchi(or) Gabor in Schleef/Tragelehns Inszenierung »Frühlings Erwachen«. Bei der DEFA spielte er u. a. die Titelrolle in »Einer vom Rummel« (1982), ehe er in den Westen wechselte und damit in der DDR zur Unperson wurde. Nawrocki hatte an der heutigen Ernst-Busch-Schule studiert, spielte in Anklam bei Frank Castorf, der den Erkrankten wieder zu sich holte, als er die Volksbühne übernommen hatte.

Am selben Tag wie Nawrocki wäre Katharina Schulze 80 geworden, an deren treffende Spitzen sich noch viele Eulenspiegel-Leser erinnern. Die engagierte Journalistin, die auch bei der Wochenpost arbeitete und jW gelegentlich interessante Artikel über kulturelle Ereignisse lieferte, starb im vergangenen Herbst.


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