Aus: Ausgabe vom 02.05.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Antikommunismus

Von Daniel Bratanovic
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Der Geist der BRD. Antikommunistisches Plakat des Ring Christlich-­Demokratischer Studenten (um 1976)

Wenn an diesem Wochenende gefühlt die ganze Republik den 200. Geburtstag eines Mannes begehen wird, der von ihr nur die niedrigste Meinung gehabt hätte und der wie kein anderer mit dem Begriff des Kommunismus in Verbindung steht, dann wäre angebracht, an die Ursprünge dieser Republik zu erinnern. Denn die BRD, das war der Frontstaat, gegründet im Geiste des Antikommunismus, dessen Funktionieren von den alten Nazis in den Staatsapparaten gewährleistet wurde – der vorgeschobene, im Innern formierte Außenposten gegen jene Gesellschaften, die sich auf diesen Karl Marx beriefen, der jetzt von den einstweiligen Siegern so unbehelligt zu Tode gefeiert werden darf. Der Antikommunismus war mithin, und ist es noch immer (siehe Springers Pressköter, siehe den nicht nachlassenden Hass auf die DDR), das negative Erkennungszeichen dieses Staates.

Im Grunde ließe sich die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts mühelos unter dem Gesichtspunkt des Antikommunismus schreiben. Den Autoren des bürgerlichen Brockhaus aus dem Jahr 1986, noch zu Hochzeiten der Blockkonfrontation, ist dazu jedoch nicht sonderlich viel eingefallen. Nichtssagend allgemein heißt es da einleitend auf insgesamt gerade einmal 13 Zeilen, der Begriff bezeichne »lediglich die ablehnende Haltung gegenüber einem Staats- und Gesellschaftssystem, das sich die Verwirklichung des Kommunismus zum Ziel gesetzt hat«. Meyers Lexikon aus der DDR (1971) kommt entschieden bestimmter daher und lädt zur Parteinahme ein: »ein in sich widerspruchsvolles, eklektisches System unwissenschaftlicher, reaktionärer Elemente der bürgerlichen Philosophie, Ökonomie, Ästhetik, Soziologie, Ethik, Geschichtsschreibung, Staatslehre u. a. Disziplinen und der diesen Theorien entspr. heimtückischen und verschlagenen Methoden des Kampfes der Bourgeoisie gegen die Arbeiterbewegung«.

Die Anfänge dieser Gegenbewegung und -ideologie können spätestens auf jene Zeit zurückgeführt werden, als Marx und Engels ihr Gespenst des Kommunismus umgehen ließen. Von da an ist der Antikommunismus fester Bestandteil des weiteren Geschichtsverlaufs. Schlaglichter: die Niederschlagung des Juniaufstands von 1848 in Frankreich, das Massaker an den Pariser Kommunarden 1871, Bismarcks Sozialistengesetz zwischen 1878 und 1890, die von der Kapitalseite betriebene Bildung prä- und protofaschistischer Massenorganisationen wie dem Alldeutschen Verband im Kaiserreich. Mit der Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewiki 1917 geriet der Antikommunismus dann zum Mittel und Zweck der Außenpolitik kapitalistischer Staaten. Schon sehr bald nach der Oktoberrevolution überfielen ausländische Interventionsstreitkräfte Russland in der Absicht, die neue Ordnung zu stürzen. 1936 unterzeichneten das faschistische Deutschland und das japanische Kaiserreich den Antikominternpakt, dem sich 1937 Mussolinis Italien und 1939 Francos Spanien anschlossen. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Kommunistische Internationale diente dieser Bündnisvertrag der Vorbereitung des Überfalls auf die UdSSR. Der 1941 von Nazideutschland entfachte Krieg gegen die Sowjetunion kostete mindestens 20 Millionen Sowjetbürger das Leben. Nach 1945 stand der »Kalte Krieg« westlicherseits im Zeichen der Zurückdrängung und Zerstörung der sozialistischen Staaten (auch die NATO ist als antikommunistisches Militärbündnis gegründet worden), der offenen und rücksichtslosen Kriegführung gegen die antikoloniale Befreiungsbewegungen etwa in Vietnam und der Etablierung von Militärdiktaturen in Lateinamerika durch die USA.

1944 sagte Thomas Mann, er komme nicht umhin, »in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus […] etwas Abergläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche«. Zu fragen wäre allerdings, ob und wenn ja wie lange diese bürgerliche Welt des Antikommunismus entraten könnte, da schließlich der Kommunismus deren Funktionsweise dauerhaft außer Kraft zu setzen bestrebt ist.


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