Aus: Ausgabe vom 02.05.2018, Seite 6 / Ausland

Fahnenmeer in Havanna

Nach Wahl des neuen Präsidenten: 1.-Mai-Demonstrationen in Kuba erinnern an historische Ereignisse

Von Volker Hermsdorf, Havanna
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Hunderttausende Kubaner feiern den Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse in Havanna am 1. Mai 2018. Auch Expräsident Raul Castro und der neue Staatschef Miguel Diaz-Canel nahmen teil

Die Städte und Dörfer in Kuba hatten sich zum 1. Mai herausgeputzt. Überall hingen die Fahnen des Landes und der revolutionären »Bewegung des 26. Juli« von Balkonen und aus Fenstern. Seit den frühen Morgenstunden waren in Havanna bereits die Motorengeräusche der Busse mit den Demonstrationsteilnehmern zu hören.

Angeführt von den Beschäftigten des Bildungs-, Erziehungs- und Gesundheitswesens setzte sich in der Hauptstadt um 7.30 Uhr ein aus 18 Marschsäulen bestehender kilometerlanger Demonstrationszug in Bewegung. Auch Tausende ausländische Besucher aus allen Teilen der Welt beteiligten sich an der Großdemonstration. Mit den auffallend vielen jungen Teilnehmern hatten sich ebenfalls zahlreiche Veteranen auf den Weg gemacht.

Wie an jedem 1. Mai seit dem Sieg der Revolution ist die 88jährige Dora Rodríguez aus Havannas Arbeiterviertel »Cerro« auch an diesem Dienstag wieder zeitig aufgestanden, um pünktlich ab 7.30 Uhr an der Demonstration zum Platz der Revolution teilzunehmen. Ihre Schwester, die pensionierte Lehrerin Iris, schafft das wegen ihrer Arthrose nicht mehr. Zwei längere Auslandseinsätze bei der Alphabetisierungskampagne in Angola zwischen 1976 und 1991 haben gesundheitlich Spuren hinterlassen. Das hat ihre Tochter Odalys jedoch nicht davon abhalten können, sich ebenfalls als Freiwillige für eine medizinische Mission in Angola zu melden. Doras Mann José, ein großer, hagerer und mittlerweile weißhaariger Schwarzer, der sich noch gut an Diskriminierung und Unterdrückung vor der Revolution erinnert, schaut sich die Live-Übertragung im Fernsehen an.

Bei den ersten Demonstrationen zum 1. Mai in Kuba seit der Wahl des neuen Präsidenten Miguel Díaz-Canel wurde auch an eine Reihe historischer Ereignisse erinnert. Dazu gehörten unter anderem der Sieg der Revolution am 1. Januar 1959, der Beginn des ersten Befreiungskrieges gegen die spanische Kolonialherrschaft vor 150 Jahren und der Sturm auf die Moncada-Kaserne, der am 26. Juli 1953 startete und Geburtstage. José Martí war am 18. Januar vor 165 Jahren auf die Welt gekommen, Ernesto »Che« Guevara wäre am 14. Juni 90 Jahre alt geworden.

Die Bezüge zur eigenen Geschichte seien für die junge Generation, die das soziale Projekt der Kubanischen Revolution nach dem Generationenwechsel jetzt erhalten und ausbauen müsse, sehr wichtig, sagte Diosvany Acosta Abrahante, ein Mitglied der Nationalen Leitung des Kommunistischen Jugendverbandes (UJC). In Havanna haben in diesem Jahr nach Angaben der Organisatoren mehr als 50.000 Jugendliche mit Transparenten, riesigen Fotos und Fahnen im organisierten Block an der Mai-Demonstration teilgenommen. Der Studentenverband FEU (Federación Estudiantil Universitaria) hatte dafür unter anderem ein überlebensgroßes Transparent mit dem Porträt des Nationalhelden José Martí angefertigt. Plakate mit Fotos von Fidel Castro und Che Guevara waren auf allen Veranstaltungen im Land präsent. Die Demonstranten forderten das Ende der US-Blockade und die Rückgabe des von US-Militärs besetzten Gebietes in der Bucht von Guantánamo. Weitere Themen waren der Kampf gegen imperialistische Kriege, die Unterstützung der lateinamerikanischen Völker im Widerstand gegen die neoliberale Gegenoffensive und vor allem die Solidarität mit Venezuela, dessen Arbeiter sich »gegen einen Putschversuch der Rechten« wehrten. »Jeden Tag gibt es mehr Gründe zu kämpfen«, erklärte der Vorsitzendes des Gewerkschaftsdachverbandes CTC, Ulises Guilarte de Nacimiento, in Havanna.


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