Aus: Ausgabe vom 27.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Bund stellt sich dumm

Arzneimittelversuche an Heimkindern in der BRD: Regierung weiß nichts darüber und sieht keine Verpflichtung, zur Aufklärung beizutragen

Von Jana Frielinghaus
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Der Essener Ralf Aust, hier 1965 als Kind im Franz-Sales-Haus, berichtete Ende 2016 gegenüber dem Stern, dass alle Kinder dort täglich Tabletten einnehmen mussten

Seit etwa zwölf Jahren sind die Grausamkeiten, die Hunderttausende Kinder in Einrichtungen der Jugendfürsorge der alten Bundesrepublik erlitten haben, ein öffentliches Thema. Anfang 2009 wurde auf Druck ehemaliger Insassen von der damaligen Bundesregierung von CDU, CSU und SPD der »Runde Tisch Heimerziehung« (RTH) eingerichtet. Ende 2010 veröffentlichte das Gremium einen Abschlussbericht, zudem wurde der Hilfsfonds »Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1975« eingerichtet. Zahlungen daraus erhielten jedoch nur Menschen, die Folgeschäden und materielle Bedürftigkeit nachweisen konnten. Vom RTH angehörte ehemalige Heimkinder berichteten über fortgesetzte psychische und körperliche Misshandlungen, vorenthaltene Löhne – und darüber, dass sie dauerhaft zur Einnahme von Medikamenten gezwungen worden sind. Vielfach handelte es sich dabei um Psychopharmaka zur Ruhigstellung. Oft wussten die Betroffenen gar nicht, was ihnen da teilweise gewaltsam verabreicht worden war. Gerade das letztgenannte Thema wurde vom RTH jedoch nur am Rande abgehandelt. In seinem Abschlussbericht heißt es dazu, wenn es zu »generellen und kollektiven Behandlungen bzw. Sedierungen gekommen« sei, die »weniger den Kindern und Jugendlichen als der Disziplin im Heimalltag oder gar der Erforschung von Medikamenten zuträglich waren, ist dies als Missbrauch zu beurteilen und erfüllt ggf. den Tatbestand der (schweren) Körperverletzung – auch nach damaligen Maßstäben«. Ob und in welchem Umfang so etwas vorgekommen sei, könne »so viele Jahre später schwer beurteilt werden«.

Kann es doch. Gezeigt hat das zunächst die Pharmakologin Sylvia Wagner mit ihrem Forschungsprojekt zu Arzneimitteltests an Heimkindern in der BRD (siehe Spalte). Sie hat in 50 Fällen belegen können, dass es in staatlichen und kirchlichen Fürsorgeeinrichtungen Versuchsreihen an Minderjährigen gab, die zudem oft unter der Regie von Ärzten mit Nazivergangenheit stattfanden. In der Folge recherchierten Medien weiter, mehrere Landesparlamente und -regierungen befassten sich mit dem Thema.

Die Bundesregierung allerdings sieht sich nicht in der Pflicht, zur Aufklärung beizutragen, Behörden und Unternehmen zur Öffnung ihrer Archive zu veranlassen oder über einen weiteren Entschädigungsfonds nachzudenken. Das macht ihre Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag vom 18. April deutlich, die jW vorliegt. In ihrer Vorbemerkung verweist Sabine Weiss (CDU), Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, auf die Arbeit des RTH und die Einrichtung des erwähnten Fonds sowie die Einrichtung der Stiftung »Anerkennung und Hilfe« von Bund, Ländern und Kirchen für ehemalige Insassen von Psychiatrien und Behindertenheimen Ende 2016. Damit sieht das Ministerium die Arbeit der Bundesregierung als erledigt an. Zudem wird darauf verwiesen, dass aufgrund des bis 1978 kaum gesetzlich regulierten Arzneimittelmarktes strafrechtliche Konsequenzen für damalige Akteure auszuschließen seien. Weiter schreibt Weiss u. a.: »Der Bundesregierung liegen keine Kenntnisse zu ›Arzneimitteltests‹ an Heimkindern vor.«

Sylvia Gabelmann, Sprecherin der Linksfraktion für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte, die die Fragen zusammen mit Kollegen eingereicht hatte, ist empört: »Die Bundesregierung stellt sich hier dümmer, als sie ist«, sagte sie am Donnerstag gegenüber jW. Schon mittels einer kleinen Internetrecherche könne jeder Laie innerhalb kürzester Frist umfangreiche Informationen darüber erhalten, dass es Medikamentenstudien an Kindern in den 50er und 60er Jahren mindestens in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen gegeben hat.

Pharmakologin Wagner sieht sowohl die Länder als auch den Bund in der Pflicht. Auf allen Ebenen müssten diesbezüglich umfangreiche Forschungsaufträge vergeben werden, sagte sie am Mittwoch im Gespräch mit jW und erinnerte daran, dass an Tests von Impfstoffen auch Bundesbehörden beteiligt waren. Die »Stiftung Anerkennung und Hilfe« sei zudem nur für Menschen geschaffen worden, die in Behindertenheimen und Psychiatrien gelitten haben. Nachträglich sei gesagt worden, dass auch Opfer von Arzneimitteltests dort Anträge auf Unterstützung stellen könnten. Doch solche Versuche habe es auch in »normalen« Kinderheimen gegeben. Die Bundesregierung teilte der Linksfraktion mit, sie beabsichtige nicht, den Auftrag der Stiftung zu erweitern.

Von vielen Untersuchungsreihen dürften Landesbehörden mindestens Kenntnis gehabt haben. So fand Wagner in Fachzeitschriften zwei Untersuchungsberichte aus der Kinderpsychiatrie des Landesklinikums in Schleswig-Hesterberg. Ein NDR-Team stieß bei Recherchen auf sechs weitere Aufsätze über Tests in derselben Einrichtung – und auf mehr als 30 Schilderungen von Versuchen in der Erwachsenenpsychiatrie in Schleswig-Stadtfeld. Nach Berechnung der Journalisten wurden an den beiden Landeskliniken von 1953 bis 1978 Medikamente an rund 3.500 Probanden getestet, darunter etwa 1.000 Kinder. Der neue Gesundheitsminister von Schleswig-Holstein, Heinrich Garg (FDP), kündigte im Oktober an, er wolle die beteiligten Pharmafirmen »ansprechen«. Ob das Land mutmaßlich Betroffenen Entschädigungen zukommen lässt, macht Garg vom Ergebnis einer Studie abhängig, für die sein Haus 100.000 Euro bereitstellen will.

Für Niedersachsen hat Wagner u. a. nachgewiesen, dass an der früher landeseigenen psychiatrischen Klinik in Wunstorf bei Hannover noch in den 70er Jahren an mehreren hundert Kindern Medikamente erprobt wurden.

Hintergrund: Konzerne profitieren

Die Pharmakologin Sylvia Wagner befasst sich seit drei Jahren im Rahmen ihrer Dissertation mit Arzneimittelstudien an Heimkindern in der BRD der 50er bis 70er Jahre. Die aufwendige Forschungsarbeit finanziert sie allein. Im September 2016 veröffentlichte sie erste Ergebnisse in der Publikation Sozial.Geschichte Online (Heft 19/2016) der Universität Duisburg-Essen. Wagner durchforstete für ihre Studie viele Jahrgänge von Fachjournalen. Sie war überrascht, mit welcher Offenheit die Verfasser von Forschungsberichten über ihre Versuchsanordnungen mit Heimkindern berichteten. An keiner Stelle fand sie Angaben dazu, ob die Einwilligung von Angehörigen eingeholt worden war. Ebensowenig fand sie kritische Reaktionen auf die Veröffentlichungen.

Die meisten der von Wagner ermittelten Testreihen fanden in Säuglingsheimen statt, in 33 von 50 Berichten ging es um die Erprobung von Impfstoffen, in den anderen überwiegend um Psychopharmaka. Im Forschungsbericht über einen Test des Neuroleptikums Decentan an Kindern im Essener Franz-Sales-Haus ist von »plötzlichen Schreikrämpfen«, »Bewegungsarmut« und »psychisch starker Veränderung« die Rede.

An den Erkenntnissen aus den Versuchen waren vor allem die Pharmafirmen interessiert: Kooperationspartner der Kliniken in Schleswig waren laut NDR beispielsweise die Unternehmen Bayer, Merck, Janssen und UCB. Bayer teilte dem Sender auf Anfrage mit, man sehe keine Veranlassung für Wiedergutmachungsleistungen, da nicht rechtswidrig gehandelt worden sei. Das stimmt insofern, als es vor 1978 keine in einem Bundesgesetz formulierten Vorschriften für Unternehmen hinsichtlich der Erprobung und Zulassung von Arzneimitteln gab. Man habe für die Zeit vor 1978 zudem »keine Dokumente gefunden, die auf eine Verbindung unseres Unternehmens mit der Durchführung von Prüfungen mit diesen Präparaten in Kinderheimen« hinweisen, teilte der Konzern mit.

Nach Ansicht von Christian Schrapper, Pädagogikprofessor an der Universität Koblenz-Landau, zeigt sich im Umgang mit den Heimkindern der in der BRD noch lange nachwirkende Geist der Nazizeit. In den Einrichtungen der Jugendfürsorge sei er bis in die 60er Jahre von Vorstellungen über die Minderwertigkeit zum Beispiel von Kindern aus schwierigen familiären Verhältnissen geprägt gewesen. Daraus ergebe sich das Verständnis von Heimkindern als »Menschenmaterial, das für medizinische Versuche genutzt werden kann«, zitierte ihn die Ärztezeitung nach Wagners Veröffentlichung im November 2016. (jf)

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