Aus: Ausgabe vom 25.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Wir wollen das antifaschistische Erbe bewahren«

In Serbien soll die Stadt Zrenjanin umbenannt werden, weil sie den Namen eines Partisanen trägt. Gespräch mit Branislav Markus

Von Interview: Katja Bock
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»Ich will sauberes Wasser«: Protest gegen verschmutztes Wasser in Zrenjanin

Die Stadt Zrenjanin soll, wenn es nach dem Bürgermeister geht, erneut Petrovgrad heißen. Was steckt hinter diesem Vorhaben?

Rechte Gruppierungen um die regierende Fortschrittspartei und Unternehmer versuchen ihre Macht zu demonstrieren, indem sie einen Antrag zur Änderung des Namens der Stadt gestellt haben. Sie soll nicht mehr den Namen des Partisanen und Volkshelden Zarko Zrenjanin tragen, sondern nach dem serbischen König Petar in Petrovgrad umbenannt werden. Damit wollen sie zeigen, dass der Kapitalismus alternativlos ist. Denn der antifaschistische Kampf war und ist nicht nur ein Kampf gegen den Faschismus, sondern beispielsweise auch gegen soziale Ungleichheit oder für das Frauenwahlrecht. Das aktuelle Vorhaben ist somit eine Aggression, um das antifaschistische Erbe, die Werte, die damit einhergehen, und den Befreiungskampf der Partisanen in den Hintergrund zu rücken und die Botschaft zu propagieren, dass Zrenjanin eine Stadt der Monarchie und der billigen Arbeitskraft ist.

Das Sozialforum setzt sich gegen dieses Vorhaben zur Wehr. Was fordern Sie statt dessen?

Wir kämpfen mit der Wahrheit, das ist immer am einfachsten. Diese rechten Gruppen haben versucht, die Namensänderung ohne jegliche öffentliche Diskussion durchzudrücken. Sie wollten die Entscheidung an die nationale Ebene abtreten, ohne die Stadt darüber zu befragen. Wir denken, dass ein Referendum die einzige angemessene Möglichkeit ist, um über die Namensänderung zu entscheiden.

Wenn die Bevölkerung sagen würde, dass sie den Stadtnamen ändern wolle, wäre das für uns kein Problem. Aber die Verwaltung will das aus zwei Gründen nicht: Der Name der Stadt ist seit über 70 Jahren Teil deren Identität. Außerdem ist es auch nicht so einfach. Alle Dokumente und Hinweise auf die Stadt müssten ebenfalls geändert werden: Autokennzeichen, Ausweise, Pässe, Schilder an Schulen und Kindergärten usw. Das wäre ein unglaublicher Aufwand.

Ein Aufwand, den die Verfechter von »Petrovgrad« nicht scheuen …

Es ist trotzdem pragmatischer, den Namen beizubehalten. Doch der eigentliche Grund ist, dass die Menschen abgelenkt werden sollen. Andere Themen geraten in den Hintergrund, wenn über so etwas wie den Stadtnamen diskutiert wird. Dabei gibt es in Zrenjanin viele Probleme. Zum Beispiel haben wir kein Leitungswasser, das den medizinischen Minimalstandards genügt. Wir dürfen es deswegen seit 2014 nicht mehr trinken.

Außerdem verdienen 70 Prozent der Bevölkerung weniger als den Mindestlohn von 21.000 Dinar – also rund 200 Euro –, ganz zu schweigen von dem Durchschnittsgehalt in Serbien von 50.000 Dinar. In Zrenjanin sind vor allem Frauen als Verkäuferinnen in Kiosken oder Boutiquen in prekären Arbeitsverhältnissen angestellt und verdienen nicht einmal 150 bis 170 Euro im Monat. Sie müssen sich für einen Lohn kaputtarbeiten, der gesetzwidrig ist, aber in Zrenjanin trotzdem durchgedrückt wird.

Und die Kapitalisten meinen, das müsste so sein, damit wir in die EU kommen, und reden nicht darüber, dass wir kein Trinkwasser haben, vor allem Frauen so wenig verdienen, dass sie davon nicht leben können, und die gesamte Jugend auswandern möchte. Das sind indes für uns die zentralen Themen.

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Für viele ein Volksheld: Denkmal für Zarko Zrenjanin im Zentrum der nach ihm benannten nordserbischen Stadt

Haben Sie denn das Gefühl, dass es Ihnen gelungen ist, die mediale Aufmerksamkeit für Ihr Anliegen zu nutzen?

Ja, wir haben das ausgenutzt. Wir haben zu Veranstaltungen zur Verteidigung Zrenjanins aufgerufen – aber nicht des Namens wegen, sondern um uns für eine Stadt einzusetzen, in der Menschen unter besseren Bedingungen leben können. Das war wohl unser größter Erfolg, dass viele Leute mitgemacht haben. Wir kämpfen nicht deswegen gegen diejenigen, weil sie Zrenj­anin umbenennen wollen, sondern weil sie Oligarchen sind, die ihren Angestellten einen miesen Lohn bezahlen und mit so einer Aktion versuchen, die Aufmerksamkeit davon abzulenken, wie schlecht die Situation derzeit ist.

Wie sehen Aktionen des Sozialforums aus?

Die Mobilisierung gegen die Namensänderung wurde von vielen Menschen getragen. Das Sozialforum hat das nicht alleine gemacht. Wir wollen die Bürger über die Situation in der Stadt informieren, damit sie sich für ihre eigenen Interessen einsetzen. Dafür haben wir auch die Unterstützung von bekannten Persönlichkeiten wie dem Filmemacher Zelimir Zilnik erhalten.

Wir haben einen Dokumentarfilm produziert, den wir in den vergangenen Wochen gezeigt haben. Es geht dabei um das Leben von Zarko Zrenjanin und um die Bedeutung des Antifaschismus heute. Es geht um den Kampf um Gleichberechtigung, um angemessen bezahlte Arbeit und um Trinkwasser.

Die Oligarchen versuchen, von diesen eigentlichen Themen abzulenken. Das lassen wir nicht zu. Außerdem kommen wir immer zurück auf das grundsätzliche Problem: den Kapitalismus, und sprechen über mögliche Alternativen.

Konnten Sie schon Erfolge in Ihrem Kampf erzielen?

Die Umbenennung sollte eigentlich hinter verschlossenen Türen geschehen. Durch unser Engagement ist das Thema indes an die Öffentlichkeit gedrungen, so dass darauf reagiert werden musste. Partisanenverbände, wichtige Persönlichkeiten aus dem Kulturbereich und auch politische Parteien mussten Stellung beziehen. Sogar aus Belgrad hieß es: »Ihr habt doch Wichtigeres zu tun als das«. Ich habe den Eindruck, dass dieses Vorhaben zumindest vorerst aufgegeben wurde. Wir werden die Entwicklung auch weiterhin im Auge behalten. Denn es geht um die Bewahrung des antifaschistischen Erbes unserer Stadt.

Branislav Markus ist Vorsitzender des Zrenjaniner Sozialforums. Früher arbeitete er in der Medikamentenfabrik Jugoremedija.

Warum der rechten Stadtregierung die Bezeichnung Zrenjanin ein Dorn im Auge ist, zeigt ein Blick in die Biographie des Namenspatrons. Zarko Zrenjanin wurde 1902 im Dorf Izbiste im serbischen Teil des Banats als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Während seiner Lehrerausbildung Anfang der 20er Jahre knüpfte er Kontakte zur fortschrittlichen Jugendbewegung im Königreich Jugoslawien. 1923 trat er eine Stelle als Lehrer im heutigen Mazedonien an. Neben der Arbeit an einer Dorfschule engagierte er sich mit anderen Sozialisten für die Alphabetisierung und politische Bildung der landlosen Bauern. Für seine politischen Aktivitäten gegen die Monarchie wurde er drei Jahre später erstmals verhaftet und zurück nach Serbien versetzt, wo er der verbotenen Kommunistischen Partei Jugoslawiens beitrat.

Zrenjanins Haus in Izbiste wurde in den kommenden Jahren zum Treffpunkt von Kommunisten aus der Region; dort druckte und verlegte er mehrere illegale Zeitungen, wie Istina (Wahrheit) und Trudbenik (Arbeiter). Bei einer Razzia wurde die illegale Druckerei entdeckt und Zrenjanin zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Als Jugoslawien von den Achsenmächten besetzt worden war, übertrug die KPJ ihm die Organisation des Befreiungskampfes in der Vojvodina. Im Untergrund stellte er bewaffnete Partisaneneinheiten auf und entwickelte Taktiken für den Widerstandskampf gegen deutsche und ungarische Truppen. Die Gestapo fahndete unter Hochdruck nach Zrenjanin, dem sie den Namen »Roter General« gegeben hatte. Von Josip Broz Tito im November 1942 zur ersten Sitzung des Antifaschistischen Rats der Nationalen Befreiung Jugoslawiens, der politischen Führung der Partisanen, gerufen, wurde Zrenjanin auf der Reise nach Bosnien verraten und am 4. November von der Gestapo ermordet.

Für seine große Rolle bei der Befreiung Jugoslawiens vom Faschismus wurde er 1944 posthum zum Volkshelden ernannt. 1946 beschloss der Rat der Stadt Petrovgrad die Umbenennung des Ortes in Zrenjanin. (mz)


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