Aus: Ausgabe vom 25.04.2018, Seite 1 / Titel

Endspiel um Opel

Autobauer soll schrumpfen. Mutterkonzern PSA droht. Mitarbeiter in Sorge, Ramelow appelliert an Beteiligte

Von Dieter Schubert
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Wird der Blitz bald geerdet? Thüringens Landeschef Ramelow schaute am Dienstag in Eisenach wenig optimistisch drein

Carlos Tavares hat seine Prämie sicher: Eine Million Euro Zusatztaschengeld bewilligten die Aktionäre der Peugeot SA (PSA) am Mittwoch in Rueil-Malmaison bei Paris ihrem leitenden Manager. Gezahlt wird das für einen anscheinend erfolgreichen Einkaufsbummel im vergangenen Jahr. Da hatten sich die als »strategische Partner« auftretenden Konzerne General Motors (GM) und PSA auf die Übernahme des damaligen GM-Anhängsels und Peugeot-Konkurrenten Opel geeinigt. Wenn die »junge« Konzernmutter in Paris jetzt beim Neuzugang die Daumenschraube anzieht und als Lohndrückerin sowie Stellenvernichterin auftritt, ist das nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Und in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach? An den drei verbliebenen deutschen Standorten müsste Alarmstufe eins herrschen. Denn den Resten Opels soll es ans Leder, sprich ans Geld und an die Jobs. Womöglich endgültig? Manches weist darauf hin. Das Management am Ort taktiert, will die Vorgabe, Kosten »massiv« zu senken, durchsetzen, die Konzernmutter praktiziert glatte Erpressung, und die Politik versucht irgend etwas zu moderieren – was beim »Stupid capitalism« ein vermutlich wenig hoffnungsvolles Unterfangen ist.

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Auch Rechtsaußenpolitiker Björn Höcke, AfD-Landeschef von Thüringen, versuchte zum Protest durchzudringen, wurde allerdings von Opelanern, die sich vor dem Werkstor in einer Reihe untergehakt hatten, gehindert

Ja, Sorgen macht man sich, und das nicht nur in Thüringen, wo sich gestern am dortigen Werk Beschäftigte zu einer Protestaktion versammelt hatten. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) war ebenfalls nach Eisenach geeilt. PSA will hier die Zahl der 1.800 Beschäftigten fast halbieren. Das wird so offen nicht gesagt. Geplant aber sei bisher nur die Produktion eines großen Geländewagens mit einer Jahresstückzahl von unter 100.000 Fahrzeugen. Damit habe nur knapp 1.000 der derzeit Beschäftigten eine Perspektive, zitierte die Nachrichtenagentur dpa einen Gewerkschaftssprecher. Auf eine Solidaritätsbekundung verzichteten die Opelaner übrigens: Björn Höcke, AfD-Landeschef von Thüringen, versuchte am Dienstag auch zum Werkstor zu gelangen, wurde aber von sich unterhakenden Arbeitern daran gehindert.

Fest steht, beim Konzernmachtwort »Kosten senken« bleibt wenig Interpretationsspielraum. Allein die Tatsache, dass PSA/Opel die vereinbarte Tariferhöhung (4,3 Prozent) stunden will, spricht für sich. Ramelow weiß das, und er kann wenig tun. Bereits am Dienstag verlangte er im MDR eine Zukunftsgarantie für alle drei deutschen Opel-Standorte. Und er rief Unternehmens- und »Arbeitnehmervertreter« zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf. »Die Differenzen müssen dort ausgeräumt werden«, sagte der Regierungschef der dpa.

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Rangelei am Rande: Björn Höcke (AfD) ist vor dem Opelwerk in Eisenach nicht willkommen

In Rueil-Malmaison indes scheinen die PSA-Besitzer hoffnungsvoll, was künftige Profite angeht. Zu denen gehören hauptsächlich »institutionelle Anleger« wie Fonds. Das Sagen haben aber eher die Peugeot-Familie mit knapp 14 Prozent der Anteile und gut 22 Prozent der Stimmrechte, der französische Staat und der chinesische Großinvestor Dongfeng Motor Corporation. Denen und ihren Abgesandten verkündete Konzernboss Tavares nicht nur einen Umsatzzugewinn von 42 Prozent im vergangenen Jahr, sondern auch, dass bei der vermeintlichen Problemtochter Opel die Fixkosten bereits um 17 Prozent gesenkt werden konnten.

Allein das macht deutlich: Der zweitgrößte Autokonzern Europas hat den Opel-Jahresumsatz von knapp fünf Milliarden Euro kassiert. Nun wird die Marke entweder profitabel – oder kann weg. Das ist ein übliches Geschäftsgebaren unter Konkurrenten. Manche nennen es Marktbereinigung.


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