Aus: Ausgabe vom 21.04.2018, Seite 8 / Inland

»Kritische Bildung bleibt auf der Strecke«

Uni Hamburg: Gelder für Einführungsveranstaltungen gekürzt. Studenten besetzen Fakultätsgebäude. Gespräch mit Annika Trommeter

Interview: Ralf Wurzbacher
Studierende_besetzen_57036211.jpg
Für das Ende des »Sparzwangs«: Besetzer des Fachbereichs für Sozialökonomie an der Universität Hamburg fordern bessere staatliche Finanzierung von Hochschulen

Seit Dienstag morgen halten Studierende das Gebäude des Fachbereichs Sozialökonomie der Universität Hamburg besetzt – »wegen 17.500 Euro«, wie in der Presse zu lesen war. Geht es vielleicht doch um mehr?

Es geht um viel mehr. Diese 17.500 Euro entsprechen einer fast 60prozentigen Budgetkürzung bei der sogenannten Orientierungseinheit. Dabei handelt es sich um Einführungsveranstaltungen für Studienanfänger, die gerade bei uns eine herausragende Qualität haben, obwohl wir vor der Herausforderung stehen, eine unglaublich heterogene Studierendenschaft zusammenzubringen und viele von uns ohne Abitur über den zweiten Bildungsweg studieren. Dabei wird auch die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Hochschulen in den Blick genommen und die bewegte Geschichte des Fachbereichs als ehemalige Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, HWP, thematisiert.

Und dafür standen bisher 30.000 Euro zur Verfügung, jetzt nur noch 12.500 Euro?

Ja, das war der Auslöser für unseren Protest. Die Maßnahme steht aber nur exemplarisch für die Kürzungspolitik, der die Hochschulen in Hamburg und überall in Deutschland seit langem ausgesetzt sind.

Die Probleme zeigen sich an vielen Punkten: an der ökonomischen Abhängigkeit von Drittmitteln; daran, dass wir im Hamsterrad des Bachelor-Master-Systems gefangen sind; dass wir Creditpoints hinterherhecheln sollen, um uns teurer auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. Bei all dem bleiben kritische, progressive Wissenschaft und Bildung, die auf die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse zielen, auf der Strecke.

Haben Sie den Eindruck, dass viele so denken an Ihrer Uni?

Es werden immer mehr – unter den Studierenden wie bei den Lehrenden. Nehmen wir das Beispiel Pflegenotstand: Das ist eine riesige gesellschaftliche Herausforderung. Wer aber zu Lösungen forschen will, erhält dafür kein Geld, weil Drittmittel nur in profitträchtige Bereiche fließen und nicht dahin, wo es um gesellschaftlich verantwortliche Wissenschaft geht. Mit der Ökonomisierung der Hochschulen und im Zeichen sogenannter Sparzwänge wird versucht, alles, was nicht gerade Mainstream ist, kleinzumachen, zu verdrängen, zu unterdrücken.

Die HWP galt selbst einmal als eine Art Hort des Widerstands. Es gibt Leute, die sagen, durch die Zusammenlegung mit der Uni Hamburg sollte genau das unterbunden werden.

Wie sich zeigt, ist der Plan nicht aufgegangen. Natürlich sind die Rahmenbedingungen für kritische Wissenschaft auch bei uns schlechter geworden. Die Kürzung bei der Orientierungseinheit ist ein Beleg dafür. Wenn sich dagegen jetzt so viel Protest regt, zeigt das aber gerade, dass ein Punkt erreicht ist, an dem die Leute sagen: Nicht mit uns, es reicht!

Welche Alternativen gibt es?

Die Hochschulen müssen mit staatlichen Grundmitteln ausfinanziert werden, damit sie ihre Aufgabe, Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung zu betreiben, wieder wahrnehmen können. Genau deshalb sind wir heute (Freitag, jW) auch mit unserer Demonstration zum Hamburger Rathaus gezogen. Der Senat ist in der Bringschuld, und wir müssten uns mal dringend mit dem neuen Bürgermeister unterhalten.

Die Zustände, die Sie beschreiben, gehören seit vielen Jahren zum Alltag der Studierenden in Deutschland. Warum ruft das trotzdem so wenig Unmut hervor? In Frankreich sorgen die Hochschulkürzungspläne der Regierung aktuell für eine landesweite Protestwelle.

Es herrscht einfach eine große Ratlosigkeit vor. Die verbreitete Mentalität ist die, sich irgendwie durchs Studium zu boxen, seine Scheine und Prüfungen zu machen, nebenher noch zu jobben. Das lässt natürlich wenig bis keinen Raum, über die eigene Situation, die der Mitmenschen und der ganzen Gesellschaft zu reflektieren. Das ist aber genau das, was die Herrschenden wollen: die Menschen zur Apathie nötigen. Doch die sogenannten Sparzwänge sind kein Naturgesetz. Sie dienen dazu, ein System politisch gewollter Ungleichheit und Spaltung zu reproduzieren.

Fassade der besetzten Fakultät – Annika Trommeter studiert an der Universität Hamburg im Fachbereich Sozialökonomie


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland
  • Management will drastischen Personalabbau durchsetzen. IG Metall spricht von Erpressung
  • Zum Beitrag »Austauschbare Arbeitskräfte« auf Seite 5 in junge Welt vom 17.4.2018
  • Untersuchungsausschüsse zum Terroranschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt 2016: LKA-Zeuge im Abgeordnetenhaus, Sachverständige im Bundestag
    Claudia Wangerin
  • Konferenz: Interessen von Frauen unterrepräsentiert. Kritik an rechter Einflussnahme auf Diskurs
    Jan Greve
  • Die Linke legt Programm zur Armutsbekämpfung vor. Im Bundestag erntet sie dafür mehrheitlich Hohn und Spott
    Susan Bonath
  • Bund will mehr als 600 Notfallkliniken Geld kürzen. Gewerkschaft kritisiert Personalnot
    Simon Zeise