Aus: Ausgabe vom 21.04.2018, Seite 6 / Ausland

Mit dem Herzen dabei

Aktivisten und Einwohner üben in Curitiba Solidarität mit Lula

Von Fernanda Otero, Curitiba
L wie Lula. Hier ist die Solidarität bereits jetzt siegreich: Regiane (Mitte, mit schwarzer Jacke) im Kreis ihrer neuen »Familie«
»Guten Morgen, Präsident Lula!«: Die Mahnwache nahe dem Gefängnis im Zentrum von Curitiba ist das Herz des Protestes
Viele Spenden treffen bei den Aktivisten ein. Jeden Tag muss für Hunderte gekocht werden
Die demokratische Mahnwache ist ein Ort vielfältiger Veranstaltungen. Jeden Tag werden Kundgebungen abgehalten

Der 87jährige Friedensnobelpreisträger aus Argentinien wurde ebenso abgewiesen wie der mit 79 Jahren ebenfalls betagte weltbekannte Befreiungstheologe Leonardo Boff. Wie Boff war auch Adolfo Pérez Esquivel am Donnerstag in das südbrasilianische Curitiba gekommen, um sich für Lula da Silva einzusetzen und diesen dort im Gefängnis zu besuchen. Der Politiker von der Arbeiterpartei (PT) wurde in einem skandalösen Prozess zu zwölf Jahren Haft verurteilt und befindet sich seit dem 7. April in Einzelhaft. Bereits zwei Mal – 2002 und 2006 – vom Volk zum Präsidenten Brasiliens gewählt, soll Lula an einer erneuten Kandidatur im Herbst dieses Jahres gehindert werden. Der Menschenrechtler Perez Esquivel war während der Militärdiktatur in seinem Land (1976-1983) selbst politischer Gefangener. Als er 1980 in Oslo den berühmten Friedenspreis erhielt, war das ein starkes Signal gegen die rechten Despoten in Lateinamerika. Nun setzt sich Pérez Esquivel dafür ein, dass die nächste Auszeichnung an Lula geht.

Die von Leonardo Boff und Pérez Esquivel gestellten Besuchsanträge lehnte eine Richterin ab. Während Boff seelsorgerischen Beistand hatte leisten wollen, ging es dem Menschenrechtler um eine Inspektion zur Prüfung der Einhaltung der UNO-Mindestgrundsätze (Nelson-Mandela-Regeln) über die Behandlung von Gefangenen. Für Boff wurde der Umsturz in Brasilien mit dem Ziel durchgeführt, Lula und die PT auszuschalten und die in seinen Amtszeiten in Angriff genomme soziale Politik zu eliminieren. »Keine Führungsfigur hat Lulas Energie und Fähigkeit, die Menschen mitzureißen«, so der Theologe gegenüber den Journalisten vor dem Eingang zum Gefängnis. »Ich wollte ein Wort des Trostes einem Freund seit mehr als dreißig Jahren überbringen.«

Nachdem es ihnen nicht gelang, Lula zu sehen, kamen die beiden alten Kämpfer ins nahegelegene Protestcamp seiner Anhänger. Die Arbeit gehe weiter, erklärte der Nobelpreisträger dort vor den Aktivisten. Von der antikapitalistischen CUP aus Katalonien ist Natalia Sánchez, Abgeordnete im Regionalparlament, angereist. Beim Eingreifen der Justiz in die Politik sieht Sánchez Ähnlichkeiten zwischen der Situation in ihrem Land und in Brasilien. »Unser Präsident lebt als Flüchtling in Berlin.« Große Medien und Finanzkonzerne zögen die Strippen. »Was uns hier wie dort große Sorgen macht, ist der Aufstieg der extremen Rechten, unter Mithilfe der Medien«, erklärt sie im Gespräch mit junge Welt.

Etwa 1.500 Menschen beteiligen sich an der »Demokratischen Mahnwache für Lula« in Sichtweite zum Gefängnis. Jeden Morgen und jeden Abend grüßen sie lautstark den Gefangenen. Bei den Anwohnern hier sind die Meinungen darüber geteilt, und nicht jeder ist zum Gespräch bereit. Die Friseurin Andrielle stört sich am Protest. Wegen dieser Mahnwachen liefen die Geschäfte nicht gut, ihre Kunden hätten »Angst, zu Fuß zum Salon zu kommen«. Die Schlangen an der Essensausgabe für die Aktivisten behinderten den Verkehr. Simone, die seit 22 Jahren im Viertel lebt, meint hingegen: »Jeder hat das Recht zu demonstrieren.« Auch wenn das für einige Unannehmlichkeiten mit sich bringe. Die 53jährige Regiane hat nicht nur das Haus, sondern auch »mein Leben« für die Leute von der Bewegung geöffnet. Ihre Motive seien »nicht politische, sondern menschliche« gewesen. Ihre Gäste spricht sie mit »Companheiro« und Familie an, selbst wenn ihre eigene das missbilligt. Andere Nachbarn haben ihre Vorgärten abgesperrt, aber Regiane meint: »Es gibt doch wohl Wichtigeres im Leben als ein Stück Rasen.«

Eine offene Tür für die Aktivisten hat auch Adriana. »Ich habe noch nie soviel gelernt wie in den vergangenen Tagen.« Aus bösen Gesichtern mancher Nachbarn mache sie sich nichts. Vom ersten Moment an beim Protest dabei sind der als Techniker beim Ölkonzern Petrobrás beschäftigte Roberval Grando und dessen Frau Elke. Sie erinnern sich noch gut an das gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten bei Lulas Eintreffen in Curitiba. Jeden Tag kommt Roberval zur Mahnwache, um seine Solidarität mit den Aktivisten und Flagge für Lula zu zeigen. Er mache, weiter, »solange, wie er dort bei Polizei sein wird.« Für Petrobrás stünden die Dinge nun schlecht: »Sie möchten das Unternehmen zerschlagen, alles privatisieren«, sagt er. Seine Frau Elke ergänzt: »Ich leide sehr unter dem großen Unrecht, das in unserem Land um sich greift.« João Paulo, ein Koordinator der Landlosenbewegung MST, äußert sich kämpferisch: »Wir weichen nicht. Das hier wird eine neue Pilgerstätte für Brasilien.«

Übersetzung: Peter Steiniger


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Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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