Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

»Bimmel« blieb im Betriebshof

Streik der Straßenbahn- und Busfahrer legte Leipziger Nahverkehr komplett lahm

Von Stefan Thiel
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Gähnende Leere: In Leipzig waren am vergangenen Freitag weit und breit keine Straßenbahnen zu sehen

Nichts ging mehr im öffentlichen Personennahverkehr. Wer am letzten Freitag morgens in Leipzig auf die Straßenbahn oder den Bus wartete, tat dies vergeblich. Die von den Leipzigern »Bimmel« genannten, blau-gelben Schienenfahrzeuge blieben ab Betriebsbeginn um drei Uhr allesamt in den Depots stehen. Auch die Busse rückten fast alle nicht aus. Der Grund: Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte die Beschäftigten der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) zu einem mehrstündigen Warnstreik aufgerufen.

Nach Angaben von Verdi beteiligten sich im Laufe des Tages rund 700 Fahrer am Ausstand. Die LVB mussten auf ihrer Homepage eingestehen, dass bis Streikende »voraussichtlich« keine Straßenbahnen und Busse fahren würden. Verdi hatte neben den direkt beim städtischen Mutterkonzern LVB GmbH Beschäftigten auch die Mitarbeiter der beiden Tochterunternehmen Leipziger Stadtverkehrsbetriebe GmbH (LSVB) und Leobus GmbH zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Bei den LSVB sind nach Unternehmensangaben fast 700 Straßenbahnfahrer, bei Leobus mehr als 500 Busfahrer angestellt.

In dem Konflikt geht es nicht – wie man angesichts der bundesweiten Warnstreiks in der vergangenen Woche vermuten könnte – um den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bei Bund und Kommunen (TVöD), sondern um einen neuen Tarifvertrag für den sächsischen Nahverkehr (TVN Sachsen). Letzterer umfasst die städtischen Verkehrsbetriebe in Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau und im vogtländischen Plauen.

In der letzten Verhandlungsrunde am 9. April hatte der Kommunale Arbeitgeberverband Sachsen (KAV Sachsen) ein »Angebot« vorgelegt, das diesen Namen nicht verdient und nach Ansicht von Verdi nur als gezielte Provokation aufgefasst werden kann. Gerd Doepelheuer, Verhandlungsführer und Verdi-Landesfachbereichsleiter Verkehr für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, sprach in einer Mitteilung der Gewerkschaft von einem »Verschlechterungskatalog«. Nach Angaben von Verdi will der KAV, dass die Beschäftigten eine eventuelle Arbeitszeitverkürzung selbst finanzieren. Außerdem beabsichtigt die Unternehmensseite unter anderem die Streichung von Zeitzuschlägen und die Nichtvergütung von Umkleidezeiten.

Die Gewerkschaft fordert hingegen eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von 40 auf 38 Stunden bei vollem Lohnausgleich, eine Mindestruhezeit zwischen den Diensten von zwölf Stunden sowie die materielle Übernahme des Tarifergebnisses des öffentlichen Dienstes. Wie Doepelheuer am Montag gegenüber jW erläuterte, war letzteres bisher stets der Fall. Die arbeitszeitpolitischen Forderungen begründet Verdi vor allem mit dem Stress, dem die Beschäftigten ausgesetzt sind. »Die Fahrer werden im Schichtdienst verheizt«, kritisierte Doepelheuer. Teilweise betrage die Ruhezeit zwischen den Diensten nur zehn Stunden. Angesichts von wechselnden Schichtrhythmen sei dies zu knapp bemessen.

Zudem kämpfen die Straßenbahn- und Busfahrer darum, dass ihnen die Jahressonderzahlung bei Krankheit nicht gekürzt wird und bei einem Ausscheiden aus dem Unternehmen nicht zurückgezahlt werden muss. Nach Angaben von Verdi-Mann Doepelheuer wird Beschäftigten, die mehr als 22 Tage im Jahr krankgeschrieben sind, aktuell nach dem TVN ein Zwölftel der Sonderzahlung gestrichen. Wer auf eigenen Wunsch das Unternehmen verlasse, müsse gar komplett zurückzahlen. Weitere Forderungen der Gewerkschaft sind eine Berufskraftfahrerqualifizierung während der Arbeitszeit und Bonusregelungen für Verdi-Mitglieder. Die nächste Verhandlungsrunde für die Beschäftigten im sächsischen Nahverkehr findet am 2. Mai statt.


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