Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 11 / Feuilleton

Tief im Kosmos

Eine Reise im Sessel durch den Raum: Tangerine Dream spielten in Dresden

Von Thomas Behlert
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Ab auf die Reise: Tangerine Dream 2018 (auf »Electronic Evolution Tour«, hier im Februar in Hamburg)

Es war schon eigenartig, da geht man Samstag abend zu einer Band, die nun gar nichts mit Rock ’n’ Roll zu tun hat, drückt sich ganz tief in die Sessel des Dresdner Kulturpalastes, stiert über 140 Minuten nur auf drei sich kaum bewegende Musiker und wechselnde Filmchen und findet das trotzdem alles verrückt, wahnsinnig genial und hoch musikalisch.

Tangerine Dream gibt es immer noch, seit über 50 Jahren. Die Band hat sogar ihren Gründer Edgar Froese überlebt. Vor langer Zeit, im alten Westberlin, griff er gemeinsam mit Klaus Schulze und Conny Schnitzler in die Tasten, sie waren Pioniere am Synthesizer, international bekannter als zu Hause. Ihre Alben »Phaedra«, »Rubycon«, »Atem« und »Zeit« waren wegweisend. Es war Spacerock, aber auch Krautrock, durchaus funky, mit »einem Hang zu bisweilen etwas schwermütigen Elektronikträumen« (Ingeborg Schober). Eine Mixtur aus klassischer Tragödie und neuen elektronischen Klängen, die Froese auf über 200 Platten für die Ewigkeit festhielt. Vor seinem Tod benannte er noch Musiker, die sein Erbe antreten und somit unter der bekannten Marke weiter Musik aufnehmen und Konzerte geben durften. So standen im nicht ganz ausverkauftem Kulturpalast Dresden Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Ulrich Schnauss auf der Bühne, die bereits 2017 für das Album »Quantum Gate« zusammenarbeiteten.

Die Künstlerin Bianca Froese-Acquaye, Froeses zweite Ehefrau, die das Unternehmen Tangerine Dream am Laufen hält, sagte das Konzert an. Mit einem fast donnernden und dann immer wieder vor sich hin bollernden »Mothers Of Rain« (vom 88er Album »Optical Race«) ging es los. Bald passierte das, mit dem die Zuhörer nicht gerechnet hatten: Man begann bewegungslos in den Sesseln zu hängen, da sich Geist und Seele absentierten, ihre Reise durch den Saal anzutreten. Sie verschwanden auf der Leinwand, tauchten tief in den Kosmos ein, der bunt und verwirrend war und sich schnell zu verändern schien, um dann über Pupillen wieder in den eigenen Körper einzufahren. Es krabbelte, der Boden vibrierte beim Einsatz von E-Geige und tiefem Bass, überirdisch, wie aus einer mythischen Zeit. Oft groovte es melancholisch, fast gemütlich, dann wieder ungewöhnlich und mit elektronischen Trips angereichert.

Aus den goldenen Siebzigern waren nur die Stücke »Sorcerer Theme« und »Force Majeure« zu hören. Und »Cloudburst Flight«, dazu wurden Bilder von Edgar Froese projiziert, um fast schüchtern an ihn zu erinnern. Nach 140 pausenlosen Minuten war Schluß, man war allseits zufrieden, auch wenn nur noch die Hälfte des Publikums stehend applaudieren konnte. Eine Frage bleibt: Haben die Dresdner nun eine Kopie gesehen oder doch die vollwertigen Tangerine Dream, die auch weiterhin das Publikum mit auf ihren kosmischen Ritt nehmen werden?


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