Aus: Ausgabe vom 17.04.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Auf dem Weg zum Petroyuan

Nach Iran, Venezuela und Russland wickelt womöglich auch Saudi-Arabien bald Ölexporte nach China in der Landeswährung ab

Von Gerrit Hoekman
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Der Yuan holt gegenüber dem Dollar in strategischen Bereichen auf: Wechselstube in Shanghai

Seit 1974 wird der Ölpreis in Dollar berechnet. Doch nun droht die chinesische Volkswährung Renminbi (Yuan) die amerikanische Leitwährung abzulösen. Iran, Venezuela und Russland wickeln ihre Ölexporte ins Reich der Mitte bereits in Yuan ab, nun überlegt auch Saudi-Arabien, es ihnen nachzutun, wie die niederländische Wirtschaftszeitung Het Financieele Dagblad (FD) am Sonntag auf ihrer Onlineseite berichtete.

China ist der größte Abnehmer saudischen Öls. Doch in letzter Zeit verliert Saudi-Arabien dort Marktanteile, weil es seine Geschäfte in Dollar abwickelt. Das hatte das Königshaus dem US-Präsidenten vor mehr als 40 Jahren versprochen und dafür militärischen Schutz erhalten. Dieses Versprechen entwickelt sich aber allmählich zum Nachteil, wenn andere Ölexporteure Yuan akzeptieren. Der Regierung in Riad ist nicht entgangen, dass sie bereits Marktanteile in China verloren hat.

Saudi-Arabien befindet sich in einer Zwickmühle. Bei seinem Besuch in Washington vergangenen Monat betonte der neue starke Mann in Riad, Kronprinz Mohammed bin Salman, die Wichtigkeit der Beziehungen mit den USA. Andererseits will Saudi-Arabien China nicht verprellen, das beim Besuch des Kronprinzen im letzten Jahr erhebliche Investitionen in Aussicht stellte. Beijing könne auch einiges dafür tun, dass der Börsengang des saudischen Ölkonzerns Aramco ein großer Erfolg werde, deutete Staatspräsident Xi Jinping an. Einzige Bedingung: Die Saudis rechnen den Ölexport mit China in Yuan ab.

»Jahrzehntelang wiederverwerteten die Ölexporteure ihre Gewinne in den USA«, beschreibt das FD die aufziehende Gefahr für die US-Wirtschaft. 600 bis 800 Milliarden Petrodollar werden pro Jahr in amerikanische Aktien und Obligationen gesteckt, schätzt der Wirtschaftsanalytiker und Gründer des Forschungsinstituts High Frequency Economics, Carl Weinberg.

Im letzten Jahr hat China die USA erstmals als größten Ölimporteur abgelöst. Experten gehen davon aus, dass der chinesische Verbrauch in den nächsten Jahren um ein Drittel steigen wird. Sollte aus dem Petrodollar ein Petroyuan werden, würde die Nachfrage nach chinesischen Gütern und Anlagemöglichkeiten automatisch steigen.

Um den Geschäftspartnern die Investition zu erleichtern, beschleunigt China die Liberalisierung der Finanzmärkte. Noch in diesem Jahr sollen viele Beschränkungen wegfallen, teilte die chinesische Zentralbank am vorletzten Montag mit. Einer Wiederverwertung der Petroyuans stünde dann im Prinzip nichts mehr im Wege, heißt es. »China will eine Währung, die zu seinem Status als Supermacht passt«, zitiert das FD den Wirtschaftsprofessor an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, Benjamin Cohen. »Die USA haben lange von der dominanten Rolle des Dollars profitiert und China will nun dieselbe Belohnung. Dass dies zu Lasten des Dollars geht, ist Pech für die Währung.«

Ende März hat China den Weg für Erdöl-Termingeschäfte in der Landeswährung freigemacht. »Mit eigenen Termingeschäften bekommt Beijing mehr Einfluss auf die Preisgestaltung und das geht vermutlich auf Kosten des amerikanischen und europäischen Handels«, kommentierte das FD. Auf Dauer könnte China mit dem Yuan ein ernsthafter Konkurrent für Amerikaner und Europäer werden. Bei einer durchschnittlichen Rendite von 4,75 Prozent sind chinesische Anleihen im Vergleich zu amerikanischen, europäischen oder japanischen durchaus attraktiv.

In dieser Phase bekommt China Hilfe aus den USA: Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg nimmt chinesische Anleihen in den Barclays Global Aggregate Index auf. »Das ist ein Beleg für Chinas Einsatz für finanzielle Reformen und das Tempo der Veränderung, die auf seinem Anleihemarkt stattfindet«, teilte Michael Bloomberg am 23. März mit. »Es ist ein weiterer, wichtiger Schritt für Chinas Integration auf den globalen Finanzmärkten.« Durch die Aufnahme bei Bloomberg dürften chinesische Anleihen automatisch stärker in den Fokus internationaler Anleger gelangen.

Im Januar erklärte Bundesbankvorstand Andres Dombret, dass die Bundesbank nun auch Yuan als Devisenreserve aufnehmen werde. In welchen Umfang das geschehen soll, sagte er nicht. Die Europäische Zentralbank hat dies bereits getan und für eine halbe Milliarde Euro Yuan gekauft. Das erhöht die Vertrauenswürdigkeit der chinesischen Währung zusätzlich.

Bislang konnten die USA Personen und Staaten von den Finanzströmen in den USA abschneiden. »Eine geringere Abhängigkeit vom Dollar gibt Ölstaaten wie Russland, Iran und Venezuela mehr Bewegungsfreiheit«, so das FD. »Militärisch mögen die USA immer noch dominant sein, aber finanziell entstehen schnell mehrere Pole, der wichtigste in Beijing.« Der Energieexperte der niederländischen Bank ABM Amro, Hans van Cleef, hält die chinesischen Maßnahmen für kluge Schachzüge angesichts des drohenden Handelskriegs mit den USA: »Jetzt wo die Geopolitik eskaliert, können Länder wie der Iran und Russland prima mit China handeln, um die USA herum.« Ob sich Saudi-Arabien, Washingtons alter, treuer Freund, das auch traut, steht auf einem anderen Blatt.


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