Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Tickende Zeitbomben

Antifaschistisches Infoblatt spürt Neonazis nach, die vom Radar verschwinden und gefährlich bleiben

Von Felix Clay
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Täter abgetaucht: Schäden nach einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Berlin-Buch (9. August 2016)

Mit dem einsetzenden Frühling ist in diesen Tagen auch das Heft 118 der Quartalszeitschrift Antifaschistisches Infoblatt (AIB) erschienen. Schwerpunktthema des Heftes sind »tickende Zeitbomben«: Damit sind die unzähligen Neonazis gemeint, die sich in den letzten Jahrzehnten aus der »aktiven Szene« der extremen Rechten zurückgezogen haben, aber virtuell oder unter Bekannten ihren Herrschafts- und Vernichtungsphantasien weiter freien Lauf lassen. Es sei für sogenannte Sicherheitsbehörden und antifaschistische Beobachter sehr schwierig zu erkennen, wann eine dieser »tickenden Zeitbomben« explodiere, also mit Messer, Pistole oder Bombe zur Tat schreite.

Die beiden letzten bekannten Täter in der Bundesrepublik waren Frank Steffen und Stephan Kronbügel. Steffen erregte bundesweites Aufsehen, als er im Kölner Lokalwahlkampf 2015 an einem Stand auf Bürgermeisterin Henriette Reker einstach und diese schwer verletzte. Bei seinem Verbrechen gab er sich als Rassist und Frauenfeind zu erkennen. Motiv war die Zuständigkeit Rekers für die Unterbringung von Geflüchteten in Köln. Stephan Kronbügel schaffte es nicht in die öffentlichen Wahrnehmung. Sein selbstgebauter Sprengsatz, den er auf einem Hamburger S-Bahnhof zündete, verursachte am 17. Dezember 2017 »nur« ein Knalltrauma bei einem Passanten. Das vermutete rassistische Motiv ist eng mit dem Tatort verknüpft: Die Explosion ereignete sich im Bahnhof des Stadtteils Veddel und damit in einem Hamburger Kiez, in dem 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner einen Migrationshintergrund haben.

Steffen und Kronbügel haben nach Informationen des AIB eine lange Geschichte in der westdeutschen Neonaziszene und waren in den 1990er Jahren mit rechten Gewalttaten aufgefallen. Kronbügel hatte für die Beteiligung an einem Mord in Buxtehude schon eine lange Gefängnisstrafe abgesessen. Jahrelang waren aber beide nicht mehr politisch in Erscheinung getreten und so »vom Radar verschwunden«. Steffen gehörte zum Umfeld der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Meist ist es erst Recherchen wie denen des AIB zu verdanken, dass wenigstens im Nachhinein die Biographien der Täter bekannt werden, nachdem viele Mainstreammedien zum Beipiel im Fall der Bombe vom Bahnhof Veddel verharmlosend von einer Tat aus dem »Trinkermilieu« fabulierten. Insgesamt bietet der AIB-Schwerpunkt zehn Berichte aus einer Welt, in der Waffenliebe, Gewaltgeilheit und toxische Männlichkeit auf faschistisches Denken treffen.

Im Ressort »Braunzone« widmet sich der Historiker Yves Müller der Marx-Rezeption durch die Neue Rechte. Irritationen sind vorprogrammiert, wenn Faschisten sich für Karl-Marx-Schriften ernsthaft interessieren oder gar einen »Marxismus von rechts« postulieren, ist doch wesentlicher Bestandteil der faschistischen Ideologie der Antimarxismus. Müller führt gut ein in ideologische Verrenkungen und die Umdeutung linker Symbole, Themen und Diskurse durch den intellektuellen Faschismus.

Antifaschistisches Infoblatt, Nr. 118, 64 S., 3,50 Euro. Bezug: mail@antifainfoblatt.de, auch über www.jungewelt-shop.de sowie in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin


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