Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 12 / Thema

Wahrheiten aus der Grauzone

In ihrer Studie »Ein Leben gegen ein anderes« widmet sich die französische Historikerin Sonia Combe dem »Opfertausch« im Konzentrationslager Buchenwald. Über den antifaschistischen Widerstand jenseits ideologischer Vorurteile

Von Sabine Kebir
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Nach 1990 hieß es, die Erinnerung an den Widerstand im KZ Buchenwald habe der DDR lediglich als »Instrument des staatlichen Antifaschismus« gedient, zudem hätten sich die kommunistischen Häftlinge gegenseitig geschützt, zum Schaden anderer »Opfergruppen« – im Bild Fritz Cremers berühmtes Figurensensemble vor dem Hintergrund des in den 1950er Jahren errichteten Glockenturms

In ihrem 2014 auf französisch und im vergangenen Jahr auf deutsch erschienenen Buch »Ein Leben gegen ein anderes. Der ›Opfertausch‹ im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte« setzt sich die Historikerin Sonia Combe mit der revisionistischen Geschichtsschreibung des Antifaschismus nach 1990 auseinander. Im Fokus stehen unter anderem einige fragwürdige Aspekte der aktuellen Ausstellung in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald. Deren Konzept beruht zum großen Teil auf Arbeiten des Historikers Lutz Niethammer und seiner Mitarbeiterin Karin Hartewig, die 1994 in ihrem Buch »Der gesäuberte Antifaschismus« nahegelegt hatten, dass viele Kommunisten nur deshalb überlebt haben, weil sie mittels »Selbstverwaltung und Opfertausch« eine Praxis der »Kaderschonung« verfolgt hätten. Darin sei ein Hinweis auf »Gruppenegoismus« zu erkennen, der sich zum Schaden der übrigen Häftlinge ausgewirkt habe.¹

Als nach 1990 zuvor unzugängliche Akten bekannt wurden, entstanden diese Behauptungen parallel zu ähnlichen, skandalträchtig formulierten Schuldzuweisungen in populären Medien. Wissenschaft und Medien trafen sich in einer gemeinsamen Kampagne, die vorgab, die idealisierende Überhöhung des kommunistischen Widerstands in Buchenwald zu DDR-Zeiten zu konterkarieren. Sonia Combe meint, dass mit solchen Aussagen eine wesentlich kompliziertere Problematik vereinfacht wird. Es sei schlicht ein Mythos durch einen anderen ersetzt worden – mit dem Ziel, den antifaschistischen Widerstand in Gänze zu delegitimieren. Seriöse historische Forschung dürfe sich nicht kurzschlüssig in politische Konjunkturen einschalten.

Kompetenter und geeigneter

Als 1942 die faschistische Kriegsmaschinerie ins Stocken geriet, wurden in das ursprünglich für 8.000 Häftlinge errichtete Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar immer mehr Menschen aus den Rückzugsgebieten gebracht; im Januar 1945 befanden sich dort bis zu 100.000 Gefangene. Sie wurden als todgeweihte Arbeitssklaven eingesetzt oder von hier aus in Vernichtungslager abgeschoben, weil es in Buchenwald keine Gaskammern gab. Die durch sogenannte Funktionshäftlinge ausgeübte interne Lagerverwaltung lag bis dahin, so wollte es die SS, in der Hand von kriminellen Häftlingen, die mit brutalster Gewalt für »Ordnung« sorgten. Aber das erwies sich mit der Zeit als immer weniger effektiv. Auch angesichts einer verringerten Personalstärke der SS erschien dem Kommandanten Hermann Pister »der ›reibungslose‹ Betrieb des Lagers wichtiger (…) als der Kampf gegen den politischen Gegner des Regimes«, wie Combe schreibt. Die Gestapo sei zwar anderer Ansicht gewesen, aber Pister habe gemeint, »dass die Kommunisten kompetenter und geeigneter waren als die ›Kriminellen‹, um die Masse der Lagerinsassen zu verwalten und die Arbeitseinsätze zu organisieren.« So konnten ab 1943 politische Häftlinge aus Deutschland und Österreich – erstere waren oftmals schon an die zehn Jahre in Buchenwald – nach und nach die Schlüsselpositionen in der Lagerselbstverwaltung einnehmen. Deutsche und österreichische Häftlinge stellten in diesen letzten Jahren nur noch zehn Prozent aller Lagerinsassen. Ende 1944 waren 40 Prozent Franzosen und 30 Prozent Tschechen. Die geheime Organisation der politischen Häftlinge wurde gestärkt, als sie sich international aufstellte: Im Sommer 1943 gründete sich das Internationale Lagerkomitee (ILK), ein Jahr später entstand auf Initiative Marcel Pauls das »Komitee für französische Interessen« (»Comité des intérêts français«), andere Nationen gründeten dann ebenfalls ihre Unterorganisationen. Der Anteil von deren Vertretern im ILK war etwa proportional zum Anteil der jeweiligen Nationen an der Gesamtzahl der Gefangenen. Die effektive Leitung behielten sich die deutschen politischen Häftlinge vor.

Vielen Berichten zufolge ging die sadistische, willkürliche Gewalt unter den Häftlingen ab 1943 deutlich zurück (was sich Pister 1947 im Buchenwald-Hauptprozess zynischerweise als persönliches Verdienst zurechnete). Der Handlungsspielraum der neuen Verwaltung, der natürlich begrenzt und gefährdet blieb, erweiterte sich sogar, weil die SS – vor allem aus Angst vor ansteckenden Krankheiten – seltener und auch nicht immer flächendeckend patrouillierte. Auf die Tortur der bei Wind und Wetter stattfindenden morgendlichen und abendlichen Zählappelle wurde aber nicht verzichtet.

Die enorme Verantwortung, die auf den neuen »Funktionshäftlingen« lastete, lag vor allem in der Zusammenstellung der Listen für Arbeitseinsätze wie für Transporte in Vernichtungslager. Wer letztlich zur Arbeit bzw. zum Transport geschickt wurde, entzog sich der Kenntnis der SS, denn sie konnte die Identitäten nicht kon­trollieren, sie »interessierte sich nur für Zahlen«, schreibt Combe. Kommunisten mussten auch Hilfsdienste bei den medizinischen Versuchen der SS-Ärzte und bei der Tötung von arbeitsunfähigen und kranken Häftlingen leisten. Dabei konnte immer wieder ein »Identitätstausch« mit Sterbenden vollzogen werden, so dass jüdische Häftlinge zu »Ariern« wurden. Es kam aber auch zur Beseitigung von kriminellen Gewalttätern, Dieben, möglicherweise aber auch von »politischen Intriganten«, wie die Historikern vermutet.

Ein großer Vorzug von Combes Darstellung ist, dass sie für die Beurteilung der Verwaltung des Lagers durch politische Häftlinge auch internationale, insbesondere französische Quellen heranzieht, zumeist aus der Zeit kurz nach der Befreiung am 11. April 1945. Solchen Quellen hatten Lutz Niethammer und Karin Hartewig wenig Bedeutung zugeschrieben. Combe zeigt sehr anschaulich, dass der »Opfertausch« – durch die Manipulation von Listen für die Arbeitseinsätze, Deportationen und Todesmärsche, aber auch durch die Übernahme der Identität von Sterbenden – keineswegs erst von Historikern nach 1990 entdeckt wurde. Er war vielmehr schon in den ersten Nachkriegsjahren bekannt und wurde auch öffentlich diskutiert – z. B. in Eugen Kogons Buch »Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager« von 1946. Auch andere, später prominent gewordene ehemalige Häftlinge wie Elie Wiesel, Stephane Hessel, Primo Levi, Imre Kertèsz und Jorge Semprun haben ihr Überleben als Folge eines »Opfertauschs« und das Vorgehen der deutschen kommunistischen »Kapos« nicht als inhuman oder verantwortungslos beschrieben. Außerdem zeigen viele Zeugenberichte, dass die Funktionshäftlinge keinesfalls nur versuchten, die eigene Gruppe bzw. die eigenen politischen »Kader« zu schützen. Und was wäre überhaupt unter der »eigenen Gruppe« zu verstehen? Laut dem ehemaligen Buchenwald-Häftling Benedikt Kautsky war das vor 1933 virulente Sektierertum unter den Linken in den letzten Lagerjahren praktisch verschwunden, so dass auch Mitglieder der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) und Sozialdemokraten im geheimen Widerstand mit den Angehörigen der KPD zusammengearbeitet haben.

Schwierige Entscheidungen

Anhand etlicher tragischer Beispiele ist belegbar, dass die »Kapos« der verschiedenen Nationalitäten im Rahmen der existierenden kleinen Handlungsspielräume ebenfalls an Entscheidungen zum »Opfertausch« teilnahmen oder einen solchen selbst zugunsten Angehöriger ihrer Nationalität zu organisieren suchten: »Marcel Paul sagt, er habe unterschiedslos Franzosen bevorzugt.« Und der slowenische Partisan Boris Pahor beschreibt die ethnische Solidarität, der er sein Leben zu verdanken glaubt: »Jener Slowene, der auch in Dachau meinen Namen auf die Liste der neuen Krankenpfleger gesetzt hatte (eine solche Tätigkeit bot für eine Zeitlang Schutz, S. K.), versuchte jemanden zu retten, der seiner Meinung nach für sein Volk möglicherweise von Nutzen sein könnte.« Combe kommt zu dem Schluss, dass Gruppensolidarität, die bei Niethammer und Hartewig nur als »Gruppenegoismus« deutscher Kommunisten vorkommt, eine wesentliche »Bedingung für das Überleben« war: »Zur politischen Solidarität kam die ethnische Solidarität, die offenbar noch stärker wirkte als erstere.« Die Frage, »ob ausschließlich die deutschen Kommunisten vom ›Opfertausch‹ profitierten«, müsse, so Combe, »eindeutig verneint werden«.

Wie eng die Handlungsspielräume und wie schwierig das Abwägen der Verantwortung für den Einzelfall mit der für das ganze Lager war, lassen die Vorgänge um Stephane Hessels Rettung erahnen. Er gehörte zu 36 Offizieren der Westalliierten, die im August 1944 nach Buchenwald verschleppt worden waren, um getötet zu werden. Da die Rettung der ganzen Gruppe unmöglich war, beschlossen die Franzosen, mit Hilfe des im Krankenbau beschäftigten Eugen Kogon wenigstens drei zu retten. Hessel, der zu den Ausgewählten gehörte, beschreibt, »wie er darauf gewartet habe, dass ein junger Franzose namens Michel Boitel starb, um seine Identität annehmen und dem sicheren Tod entrinnen zu können«. Während Hessel vermutet, dass der deutsche Widerstand Hilfe für alle 36 Offiziere abgelehnt hätte, um seine »Interventionen Parteigenossen vor[zu]behalten«,² bietet der damals schon lange dem ILK angehörende David Rousset eine konkrete Erklärung: Wegen einer schweren Bombardierung mit anschließendem Chaos am Vortag war es dem Widerstand gelungen, Waffen zu requirieren. Deshalb waren die Lagerspitzel in Stellung gebracht worden. Jede größere Aktion hätte die ganze Organisation in Gefahr gebracht und die Rückkehr der Kriminellen in die Funktionsstellen bedeuten können.³ Da die Hinrichtung der Offiziere unmittelbar bevorstand, wurde, um einen weiteren von ihnen zu retten, einem Todkranken eine Phenolspritze verabreicht.

Die Bedrängnis, in die insbesondere die Häftlinge gerieten, die im Krankenrevier beschäftigt waren, kann man sich nicht groß genug denken – oft handelte es sich um ehemals praktizierende Ärzte. Der Franzose Emile Morat berichtet, dass sich ein russischer »Hilfsarzt« geweigert hätte, an Tötungen teilzunehmen. Ein Pole habe nur indirekt, durch seine Diagnosen, getötet.⁴ Der »oberste Handwerker des Todes« war jedenfalls SS-Oberscharführer Friedrich Karl Wilhelm gewesen.

Das moralische Dilemma des ILK, das Verantwortung für die Entscheidung über Leben und Tod hatte, ist vergleichbar mit dem der von der Gestapo und der SS geschaffenen sogenannten Judenräte. Benjamin Murmelstein, der Vorsitzende des Judenrats in Theresienstadt, sagte in Claude Lanzmanns Film »Der letzte der Gerechten«, dass man sie zwar verurteilen könne, »aber urteilen kann man über sie nicht«.

Combe führt aus, dass »Opfertausch« auch als individuelle Vorgehensweise vorkam, indem jemand die Identität eines Sterbenden annahm. Solche nicht seltenen Versuche der Selbstrettung konnten misslingen, Glück gehörte immer dazu. Obwohl unter der Bedingung äußersten Terrors gar kein konstant ethisches Verhalten eingefordert werden kann, wie die Zeitschrift Esprit schon 1947 zu Recht feststellte, kann die direkte oder indirekte Beteiligung am »Opfertausch« als eine der Ursachen für das lebenslang anhaltende Schuldgefühl vieler Überlebender festgestellt werden.

Das Bestreben der politischen »Funktionshäftlinge« sei vor allem darauf gerichtet gewesen, so Combe, das Leben im Lager erträglicher zu machen – und zwar für alle, wobei sie selbst zweifellos etwas besser und sicherer lebten als der Durchschnitt der Häftlinge. Der ihnen vorgeworfene »Opfertausch« betraf außer Todkranken diejenigen, die sich nicht an die vom geheimen Widerstand aufgestellte Regel der gegenseitigen Solidarität hielten: Spitzel der SS, Diebe, Gewalttäter, wobei Racheakte und Irrtümer keineswegs ausgeschlossen blieben. Primo Levi nannte den Handlungsraum des ILK treffend eine »Grauzone«.

Diskreditierung der Kommunisten

Combes Buch zitiert und kommentiert auch die Auseinandersetzungen um das Überleben des jüdischen »Buchenwaldkindes« Stefan Jerzi Zweig, dem in den 1990er Jahren vorgeworfen wurde, sein Leben einem »Opfertausch« zu verdanken. In einer der Ausstellungen in der Gedenkstätte in Buchenwald ist eine Liste von Kindern zu sehen, die nach Auschwitz deportiert werden sollten. Der Name Zweig ist darauf gestrichen. So wird suggeriert, dass der auf einer zweiten Deportationsliste vom selben Tag genannte Sinto-Junge Willy Blum anstelle von Zweig auf Transport geschickt worden sei. Der Hinweis aber, dass außer Zweig noch elf weitere Kinder aus den Deportationslisten gestrichen, also »ausgetauscht« worden sind, findet sich nirgendwo. Mit der Personalisierung eines äußerst tragischen Vorgangs wurde der geheime politische Widerstand, der sich Zweig angeblich zum »Maskottchen« gemacht habe, des antiziganen Rassismus verdächtigt. Die ­Instrumentalisierung beider Kinderschicksale hatte auch das Ziel, den weltberühmten Roman von Bruno Apitz, »Nackt unter Wölfen«, über den antifaschistischen Widerstand in Buchenwald zu diskreditieren.

Ohne Unterstützung dieses Widerstands hätten der tschechische Kommunist Antonin Kalina und der polnische Kommunist Gustav Schiller das Überleben einer größeren Zahl rassistisch diskriminierter Kinder des Blocks 66 nicht sichern können. Die SS drang nie bis dorthin vor, weil sich davor ein Bereich befand, in dem Sterbende und Fleckfieberkranke dahinsiechten. Den versteckten Kindern blieb der stundenlange Appell erspart, sie waren vor Schlägen und Missbrauch geschützt, bekamen etwas mehr zu essen und wurden sogar mit Spielen und Unterricht abgelenkt. Im Block 8 wurden 159 jüdische Kinder versteckt. Robert Siewert gelang es, ein »Maurerkommando« zusammenzustellen, in dem Jugendliche, deren Alter von den Angehörigen der »Arbeitsstatistik« manipuliert worden war, überlebten, weil sie als Arbeitskräfte eingesetzt wurden.

Combe betont, dass es individuellem Heldentum unmöglich gewesen wäre, 904 Kinder zu retten. In der aktuellen Ausstellung werden die Namen solcher Männer zwar zum Teil genannt, es wird aber nicht erwähnt, dass sie Kommunisten im geheimen Widerstand waren. Im Katalog wird dessen Rolle hingegen nicht verschwiegen. Combe schreibt: »Wegen des größeren Wirkungsgrads des Visuellen gegenüber dem Text ist diese unterschiedliche Behandlung bedauerlich. Die Aktivitäten der Kommunisten zur Rettung von Juden – ob Kinder oder Erwachsene – werden von den meisten Überlebenden erwähnt, deren Zeitzeugenberichte ich gehört oder gelesen habe.«

Im Buch von Combe zwar nicht enthalten, hier aber erwähnenswert ist ein Hinweis auf Barack Obamas Rede in Buchenwald, kurz nach seinem Amtsantritt 2009. Neben der düpiert wirkenden Bundeskanzlerin ehrte er ausführlich jene »Gefangenen, die sich organisierten und besonders bemühten, die Kinder im Lager zu schützen, indem sie sie von der Arbeit abschirmten und ihnen zusätzliches Essen gaben. Einige der Gefangenen gründeten heimlich Klassenzimmer, unterrichteten Geschichte und Mathematik und hielten die Kinder an, sich über ihre künftige Berufswahl Gedanken zu machen«. Obama erwähnte sogar die »Ironie, dass das Zentrum des Widerstands bei den Latrinen war, weil die Wachen sie so ekelhaft fanden, dass sie sie mieden. Und so entstand aus dem Schmutz ein Ort, an dem kleine Freiheiten gediehen.« Die GIs seien erstaunt gewesen, »900 Kinder vorzufinden, die noch am Leben waren. Das jüngste von ihnen war erst drei Jahre alt. Und mir wurde erzählt, dass einige der Gefangenen sogar ein Buchenwald-Lied schrieben, das von vielen hier gesungen wurde.« Tatsächlich zitierte Obama dann noch einige Zeilen des »Moorsoldaten«-Liedes. Diese Informationen hatte er wahrscheinlich einer 1992 in den USA erschienenen Forschungsarbeit entnommen, deren Urheber mehr Anstand und Objektivität wahrten als die von restaurativen Obsessionen geprägte bundesdeutsche Historiographie.⁵

Combe hat auch recherchiert, weshalb in der DDR vom »Opfertausch« fast nichts bekannt wurde.⁶ Noch vor der Konstruktion des Mythos vom angeblich reinen Heldentum des kommunistischen Widerstands in Buchenwald war diese Praxis in Partei- und Strafverfahren in der SBZ zu Beginn der 1950er Jahre als Vorwand genutzt worden, um Genossen des Buchenwalder Widerstands aus Machtpositionen zu drängen, die sich die aus Moskau gekommenen Exilanten weitgehend allein sichern wollten. Das betraf z. B. Ernst Busse, der für den Krankenbau verantwortlich und Mitglied der dreiköpfigen geheimen Parteileitung gewesen war. Er bekleidete 1946 das Amt des Innenministers in Thüringen. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn im Februar 1951 wegen angeblicher Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft. Aber ehemalige Häftlinge aus verschiedenen Ländern haben ihm Zeugnisse ausgestellt, wonach er sich stets um Gerechtigkeit bemüht habe.

Auch Apitz’ »Nackt unter Wölfen« war nicht – wie oft angenommen – eine im Sinne der Staatsräson produzierte Auftragsarbeit, vielmehr wurden dem Autor die dafür beantragten Stipendien verweigert. Das Buch sollte nicht als Tatsachenbericht, sondern als Roman gelesen werden, der sich die für dieses Genre übliche Freiheit nahm. So wusste Apitz während der Niederschrift noch gar nicht, dass das »Buchenwaldkind« überlebt hatte. Der Roman wurde nur veröffentlicht, weil der Autor sich zu etlichen Änderungen bereiterklärt hatte. Erst eine 2012 erschienene Neuauflage dokumentiert den Ursprungstext samt den Veränderungen.⁷

Europäischer Gedächtnisort

Combe erinnert daran, dass sich die in der DDR entstandene idealisierende Darstellung um den Widerstand in Buchenwald gar nicht grundsätzlich von den Mythen um die italienische Resistenza und die französische Résistance unterscheidet und dass sich schließlich die Bundesrepublik weit schändlichere Gründungsmythen schuf; in ihnen kam die Verstrickung der Wehrmacht in Kriegsverbrechen schlicht nicht vor, die Deutschen durften sich als Kriegsopfer fühlen, eine breitere Auseinandersetzung mit dem Faschismus setzte erst in den späten 1960er Jahren ein. Combe plädiert dafür, die »heute brachliegende Forschung zum antifaschistischen Widerstand« wieder aufzunehmen, damit dieser von ideologischer Instrumentalisierung befreit und zum legitimen »Teil der kollektiven europäischen Erinnerung« werden kann. Buchenwald sei nicht nur ein »deutsches Konzentrationslager«, sondern »auch ein europäischer Gedächtnisort, da hier aus allen Ländern stammende Akteure des Widerstands gegen den Nationalsozialismus interniert waren«. Das Lager »sollte jenseits der verschiedenen Nationalgeschichten Bestandteil jener ›großen Ursprungserzählung‹ werden, die für Europa noch geschrieben werden muss«.⁸

Sonia Combes Buch befördert auch das Nachdenken über etliche strittige Fragen der Interpretation des Faschismus – z. B. hinsichtlich des jetzt in Polen erlassenen Gesetzes, dass diejenigen, die Polen eine Mittäterschaft an den Verbrechen der Nazis zuschreiben, mit Haft bedroht. Wenn die »Grauzone« nicht genauestens untersucht werden kann, bietet die Anklage von schwer terrorisierten »Mittätern« durch Nachgeborene leicht eine billige Gelegenheit zur Entlastung derer, die mehr Schuld oder gar die Hauptschuld trugen.

Anmerkungen:

1 Karin Hartewig/Lutz Niethammer: Der »gesäuberte« Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald, Berlin 1994, S. 41

2 Stéphane Hessel: Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen, Berlin 2011, S. 104 f.

3 David Rousset: La signification de l’affaire Dotkins-Hessel. In: Les Temps Modernes (1945/1946), No. 6, S. 1084 f.

4 Siehe auch: Adélaïde Hautval (Hg.): Medizin gegen die Menschlichkeit, Berlin 2008. Auch die »Hilfsärztin« Hautval weigerte sich, an Tötungen teilzunehmen. Ihre Exekution wurde durch einen »Opfertausch« verhindert, von dem sie erst nachträglich erfuhr.

5 Barack Obama am 5. Juni 2009 in Buchenwald, zit. n.: https://www.buchenwald.de/912. Malka Drucker/Gay Rock: Rescuers. Portraits in Moral Courage in the Holocaust, New York/London 1992

6 In einer Ausstellungsbroschüre von 1986 war über das Krankenrevier immerhin zu lesen: »Durch geschickte Manipulationen konnte eine Reihe vom Tode bedrohter Häftlinge dem Zugriff der Faschisten entzogen werden.« Bodo Ritscher: Buchenwald. Rundgang durch die Nationale Mahn- und Gedenkstätte, Erfurt 1986

7 Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen, hg. v. Susanne Hantke u. Susanne Drescher, Berlin 2012

8 Sonia Combe zit. n. Oriane Calligaro/Francois Foret: La mémoire européenne en action.In: Politique européenne 37 (2012), No. 2, S. 18–43

Sonia Combe: Ein Leben gegen ein anderes. Der »Opfertausch« im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte. Übersetzt von Marcel Streng. Neofelis Verlag, 284 Seiten, Berlin 2017


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