Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Viele Arten des Verschwindens

Mit Musik von Leos Janacek und Georges Aperghis verweist das Ensemble Resonanz auf die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer

Von Stefan Siegert
Keine Programmmusik: Saerom Park (Cello), Christina Daletschka (
Keine Programmmusik: Saerom Park (Cello), Christina Daletska (Mezzo) und Dirigent Emilio Pomarico (v.l.n.r.)

»Wir haben unsre Heimat verloren, was bedeutet: Die Vertrautheit des Alltags. Wir haben unsere Beschäftigung verloren, was bedeutet: Das Vertrauen, dass wir zu etwas nützlich sind in dieser Welt. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind.« So genau und verallgemeinerbar Hannah Arendt, die von den Nazideutschen vertriebene Denkerin, 1943 ihr Flüchtlingsschicksal beschrieb, so empathisch transformiert das neue Programm des Hamburger Ensembles Resonanz die allem Menschenrecht Hohn sprechende Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer und in Europa in große Kunst.

»Disappearances« verweist auf die verschiedenen Arten des Verschwindens und auf die stets kolonialistisch- kriegerischen Ursachen. »Herz der Finsternis«, Joseph Conrads düsterer Text über eine Flucht von 1899, inspirierte Francis Ford Coppola in den 1970er Jahren zu »Apocalypse now«, einer Allegorie des Vietnamkriegs der USA. Der Roman ist auch der Ausgangspunkt für »Migrants«, die von Georges Aperghis fürs Ensemble Resonanz komponierten Zwischenspiele zu Leos Janaceks »Tagebuch eines Verschollenen«. Am Freitagabend im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie wurden Janacek und Aperghis en bloc gespielt. Erst Janacek und dann Aperghis.

Janaceks Lied für mehrere Sänger und Klavier, geschrieben 1919, handelt vom Verschwinden eines Bauernburschen im ersten Weltkrieg. Das Thema von »Migrants« ist der anhaltende, von den Qualitätsmedien längst abgehakte EU-Skandal der bis heute im Mittelmeer und in der Herzlosigkeit neokolonial vergifteter Gesellschaften Ertrinkenden.

In »Disappearances« geht Janaceks Werk attacca in den Aperghis über. Johannes Schöllhorn hat das »Tagebuch« mit Blick auf Bartoks – auch Aperghis anregende – »Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta« neu eingerichtet. Der Franko-Grieche hat sorgsam jede »Schönheit« vermieden. Er weist der Stimme neue Bedeutung zu und reduziert durch Verwendung zweier Frauenstimmen die Vermutung einer romantischen Liebesgeschichte. Die beiden, den Schwierigkeiten ihrer Partien betörend gewachsenen Sängerinnen, Agata Zubel und Christina Daletska, sprechen bei Aperghis mehr, als dass sie singen. Nicht das Ensemble ist der Soundtrack in »Migrants«, sondern Sopran und Mezzo sind die Untertitel einer Geschichte, die an keiner Stelle in den Verdacht gerät, Programmmusik zu sein, obwohl assoziative Geräusche erklingen, das Kieselrauschen des Meeres, Schiffsmotorklänge, Vogelgezwitscher.

Musik ist für Aperghis abstrakt. Sie klingt indes gerade bei ihm, der mit oft extrem reduzierten Mitteln enorme Wirkungen erzielt, an vielen Stellen intensiv sinnlich, ein für Aperghis charakteristischer Widerspruch. Ist es sonst oft das Ziel von Musik, der Stimme Klang zu geben, gibt Aperghis dem Klang Stimmen und einen Körper. Was sich im englischen »voice« allein auf die menschliche Stimme bezieht – das deutsche »Stimme« ist mehrdeutig –, wird bei Aperghis mit Phänomenen wie Atmen, Schreien, Kreischen, Wimmern oder Wispern, zusammen mit harten percussiven Momenten zum Motor und Inhalt eines an vielen Stellen beinahe figürlichen musikalischen Geschehens. Höchst verwunderlich ist etwa, dass sich in der rein instrumentalen Passage vor dem Finale einzelne Verläufe imitatorisch zu schichten scheinen, so dass für Momente der Eindruck von Fugato entsteht.

Man muss es, damit dieser Eindruck entsteht, allerdings spielen können. Dazu ist das Ensemble Resonanz geradezu prädestiniert. Emilio Pomàrico, in dieser Saison der residentielle Leiter der Kapelle, holte mit zart-nachdrücklicher Präzision alles auch aus sich selbst heraus.

Um politisch zu wirken, muss sich Musik nicht propagandistischer Mittel bedienen. Georges Aperghis »transformiert das Reale« in Musik. Es wird damit nicht weniger bemerkbar als in der Propaganda. Aber unangreifbarer, moralisch wirksamer. Premiere war im März in der Berliner Philharmonie. Nach der Elbphilharmonie geht es nach Wien, Luxemburg und Amsterdam.


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